„Gehe langsam, wenn du es eilig hast“
Diese Chancen sieht Diplom Psychologe und Theologe Stanislaus Klemm in der Langsamkeit
Eine alte Geschichte aus China berichtet von einem sehr hektisch agierenden, ungeduldigen Menschen, dem es nicht schnell genug ging. Er hatte gerne alles im Griff und konnte sich nur schwer vorstellen, dass sich viele Probleme dadurch lösen, dass er sie in Ruhe lässt. Über ihn wird erzählt, dass er ein Feld mit Getreide eingesät hatte. Als die ersten grünen Halme aus der Erde ragten, soll er jeden Tag dorthin geeilt sein, um nachzuprüfen, ob das Getreide schon reif genug sei. Dabei nahm er stets die Halme in seine Hand und zupfte an ihnen herum. Im Dorf lachten die Menschen über ihn, denn eines Tages hatte er alle Getreidehalme durch sein ständiges Nachzupfen ausgerissen, sodass sie verdorrten. Dabei wollte er dem Getreide beim Wachsen helfen. Doch, er war zu hastig.
„Die Entdeckung der Langsamkeit“ – Romanfiguren als Vorbilder
Von einem ganz anderen Mann handelt der berühmte Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von S. Nadolnys, der 1983 erschienenen ist. Dieser agiert nicht voreilig und ungeduldig. Der Autor thematisiert die Langsamkeit nicht als Defizit, sondern als eine ganz besondere Form der Wahrnehmung und Beharrlichkeit. S. Nadonys erzählt in seiner typisch ruhigen Eleganz und unaufgeregten Erzählweise von jenem berühmten Seefahrer Franklin. Er gilt zunächst aufgrund seiner extrem langsamen Reaktions- und Auffassungsgabe für das gesellschaftliche Leben als ungeeignet. Trotz seiner Langsamkeit – oder gerade deswegen – macht er aufgrund seiner außergewöhnlich langsamen Genauigkeit und Beharrlichkeit in der Royal Navy Karriere. Seine Unfähigkeit zu hastigen Reaktionen zwingt ihn zu einer präzisen Beobachtung und gründlichen Vorbereitung. Sie macht ihn zu einem exzellenten Kartografen und Anführer. Der Roman wurde inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt und sein Titel ist bereits zu einem geflügelten Wort für die heutige Entschleunigungsbewegung geworden.
Wie Langsamkeit Stress abbaut und die Psyche stärkt
Das Konzept der Langsamkeit, oft auch als Entschleunigung bezeichnet, bietet die Chance, dass Menschen ihre Lebensqualität steigern, Stress abbauen und ihre eigene Urteilskraft schärfen, in dem sie das Tempo bewusst reduzieren. Statt ständiger Hektik ermöglicht Langsamkeit, dass sich die Menschen tiefer mit der Gegenwart verbinden und sicher stärker auf das Wesentliche konzentrieren. Durch weniger Hektik schüttet der Körper weniger Stresshormonen aus, was wiederum die psychische Widerstandskraft stärkt.
Ein langsameres Tempo stärkt und schärft die Wahrnehmung für viele Details wie Gerüche, Geräusche oder generell die Achtsamkeit gegenüber Mitmenschen. Ruhephasen aktivieren in besonderer Weise die körpereigenen Reparatur- und Regenerationssysteme, die bei permanenter Geschwindigkeit unterdrückt würden. Die Menschen haben durch die Tugend der Langsamkeit und Achtsamkeit eine größere Lebenszufriedenheit und einen intensiveren Lebensgenuss, weil sie ihren Blick stärker auf das "Hier und Jetzt" lenken können.
Die Vorteile von Langsamkeit im Berufsleben
Nach Jean Paul sind „unsere größten Erlebnisse nicht die lautesten, sondern die stillsten (ruhigsten) Stunden“. Auch die Qualität im Berufsleben wird immer produktiver, wenn Menschen die Geschwindigkeit reduzieren. Denn eine höhere Konzentration verbessert die Arbeitsergebnisse. Im entschleunigten Zustand können Menschen auch wichtige Entscheidungen überlegter, präziser und nachhaltiger treffen. Wer langsamer agiert, nutzt die Lücke zwischen Reiz und Reaktion für bessere Entscheidungen und vermeidet damit zu impulsive Handlungen. Die sogenannte „Zeitlupe“ hilft, Abläufe besser zu verstehen.
Damit die Tugend der Langsamkeit nicht beschädigt und zerstört wird, ist es nötig, Übertreibungen zu vermeiden. Langsamkeit muss, wenn sie den Menschen helfen soll, immer in einer guten Balance stehen zu ihrem Gegenpart, der Schnelligkeit. Das heißt: ein Zuviel oder ein Zuwenig ist dabei nicht hilfreich. Ein Beispiel: Es wäre problematisch, wenn eine „Engelsgeduld“ dazu führen würde, dass dringend notwendige Hilfsmaßnahmen verlangsamt, verzögert oder gestoppt würden. Manche Situationen im Leben verlangen von den Menschen geradezu, dass sie sich beeilen und die Dinge möglichst schnell und umgehend auf den Weg bringen müssen. Geduld und Ungeduld erscheinen als krasse Gegensätze. Wenn man aber versucht, eine Balance zwischen beiden zu halten, dann sind sie nur unterschiedliche Richtungen, Steuerungsimpulse einer großen Linie, die sich Leben oder Entwicklung nennen. Das Leben verlangt beides: dass die Menschen ihm Zeit geben müssen für eine ruhige, eigene Entwicklung und dass sie sich die Zeit nehmen müssen, in seine Abläufe beherzt einzugreifen, die Dinge fließen zu lassen und sich ab und zu „einzumischen“.
Ein Hoch auf die Langsamkeit
Alphonse Daudet, ein bedeutender französischer Schriftsteller, bekannt für seine humorvollen Schilderungen, hätte es nicht treffender ausdrücken können, wenn er den Menschen daran erinnert: „Geh langsam, wenn du es eilig hast!“ Denn vielleicht bewahrt es vor „Hals- und Beinbruch“. Das heißt: Langsamkeit als ein bedachtsames Fingerspitzgefühl und als achtsame Vorsicht wirkt auch wie ein Schutzmechanismus für Körper und Geist und fördert so die langfristige Gesundheit. Langsamkeit ist keine Form von Faulheit, sondern ein bewusster Akt der Selbstbestimmung, der die Basis für Gesundheit, tiefere Beziehungen und qualitativ hochwertigere Ergebnisse bildet.
Dipl. Psych./Theol. Stanislaus Klemm, In: Pfarrbriefservice.de
Datei-Info:
- Dateiformat: .rtf
- Dateigröße: 0,18 MB
Nutzungsbedingungen auf einen Blick:
- Einsatzbereich: Kostenfrei für die nichtkommerzielle kirchliche Öffentlichkeitsarbeit (z. B. Pfarr-/Gemeindebrief, Plakat, Flyer, Website) sowie für Unterrichtszwecke*
- Urhebernachweis: Sie verpflichten sich, den Namen des Autors / der Autorin sowie „Pfarrbriefservice.de“ als Quelle und ggf. weitere Angaben zu nennen.
- Belegexemplar: Wir freuen uns über die Zusendung eines Belegs an unsere Redaktionsanschrift.
- Soziale Medien:
*) Ausführliche Infos zu unseren Nutzungsbedingungen finden Sie hier.
Verpflichtender Urhebernachweis
Bitte nennen Sie Urheber und Quelle wie folgt:In: Pfarrbriefservice.de

