„Für die Gesellschaft wünsche ich mir, dass sie Hoffnung hat, dass auch mitten in den Krisen etwas Neues aufbrechen kann.“
Ein Interview mit Anselm Grün zu seinem 80. Geburtstag
Weißer Rauschebart, buschige Augenbrauen, graue halblange Haare seitlich gescheitelt. Pater Anselm Grün aus dem Kloster Münsterschwarzach. In diesem Jahr ist er 80 Jahre alt. Doch welcher Mensch steckt hinter der schwarzen Kutte? Wer ist der Mönch, der schon mit 10 Jahren Priester werden wollte? Der rund 300 Bücher verfasst hat? Und der Geld an der Börse angelegt hat? Ein Interview geführt von Anna-Lena Ils. Getextet von Ronja Goj.
80 Jahre sind Sie dieses Jahr alt. Andere Menschen sind in diesem Alter schon 20 Jahre in Rente. Sie arbeiten noch immer als Autor. Veröffentlichen Bücher. Schreiben jeden Tag. Immer am Nachmittag. Wie schaffen Sie das?
Pater Anselm Grün: Das Schreiben gibt Energie, weil ich spüre, dass die Menschen ermutigt sind und neue Hoffnung haben. Das gibt mir auch Energie. Ich bin dankbar für die Kraft, die mir Gott gegeben hat. Wie lange die andauern wird, weiß ich nicht. Aber solange ich diese Kraft habe, mache ich das gerne.
Sie haben über 300 Bücher geschrieben. Das sind über 300 verschiedene Themen. Wie kommen Sie auf all die Ideen?
Ich habe keine Pläne. Das kommt entweder von außen, von Verlagen, die Wünsche haben. Oder manchmal habe ich das Gefühl, dass etwas, das ich im Gespräch angesprochen habe, noch einmal genauer dargelegt werden müsste.
Menschen begleiten, ihnen etwas mit auf den Weg geben. Hilfestellung, Orientierung anbieten. Das machen Sie auch in den Seminaren für Führungskräfte, die Sie leiten. Die ausgebucht sind, lange Wartelisten haben.
Es ist mir wichtig, dass ich den Menschen bei den Führungsseminaren nicht sage: „Ihr müsst so und so führen“, sondern, dass sie zuerst mit ihren eigenen inneren Quellen in Berührung kommen. Denn man führt mit der Person und nicht mit irgendwelchen Methoden. Und sie müssen beim Menschen anfangen und nicht beim Geld. Es ist immer erstaunlich, wie schnell eine Offenheit entsteht und wie die Menschen miteinander in Berührung kommen.
Sie waren selbst Führungskraft. Haben 34 Jahre als geistiger Leiter das Recollectio-Haus geführt. Eine Einrichtung der Abtei Münsterschwarzach, die kirchlichen Mitarbeitenden die Möglichkeit geben möchte, sich zu sammeln und zu stärken. Sie waren auch 40 Jahre Cellerar. Haben die Finanzen des Klosters verantwortet. Eine geborene Führungskraft?
Ich war nicht der geborene Anführer. Ich habe versucht mit Menschen zu sprechen und habe einiges gelesen.
Was bedeutet Führung für Sie?
Für mich war die Führungsaufgabe eine Art weltlicher Seelsorge. Nüchtern, ohne fromme Worte. Wie gehe ich mit den Menschen um, dass ich dafür sorge, dass 300 Menschen hier gerne arbeiten und dass es ihrer Seele und ihrem Leib gut tut.
Dazu haben Sie Geld an der Börse angelegt. Mit Fonds und Aktien die klostereigene Schule gesichert. Das Ökoprojekt des Klosters finanziert. Und die Anlagestrategien auf Facebook erklärt. All das erinnert mehr an den Manager eines Großkonzerns, als an einen Mönch.
Nach meiner Promotion in Theologie kam der Abt auf die Idee, ich solle Betriebswirtschaft studieren, um dann Verwalter hier zu werden, weil ein Mitbruder, der dafür vorgesehen war und der studiert hatte, ausgetreten ist. Dann war er in Not.
Vom Studium der Theologie zum Studium der Betriebswirtschaft. Ein extremer, krasser Gegensatz.
Das war für mich ungewohnt. Ich musste mich langsam damit anfreunden. Aber ich habe es gerne gemacht, weil man einiges gestalten und auf den Weg bringen kann.
Aber Glaube und Geld: Passt das überhaupt zusammen?
Geld ist nicht dazu da, um reich zu werden, sondern um den Menschen zu dienen, für die Menschen etwas zu tun. Es braucht eine innere Freiheit dem Geld gegenüber. Der Umgang mit dem Geld verlangt eine Spiritualität.
Sie sind Benediktiner-Mönch. Leben die benediktische Spiritualität. Tragen sie nach außen.
Benedikt verlangt vom Mönch, dass er ein weites Herz hat. Und das ist auch wichtig für die Menschen. Heute regen sich viele über alle auf, die anders denken und anders sind. Wir brauchen ein weites Herz, um offen zu sein für die Menschen, die anders sind als wir.
Viele verschiedene Menschen kommen zu Ihnen nach Münsterschwarzach ins Kloster. Ein großer Betrieb. Mit einer Klosterbäckerei, einer Schmiede, Goldschmiede, Gärtnerei, Metzgerei, Druckerei. Einem Gästehaus, einem Gymnasium.
Ich erlebe immer wieder, dass viele Kirchenferne kommen, weil sie eine Sehnsucht haben und spüren: Hier wird Glauben gelebt. Hier wird er nicht übergestülpt. Wir erwarten von den Leuten nicht, dass sie glauben sollen, aber sie erleben Glauben und das berührt sie im Herzen.
Seit 61 Jahren leben Sie im Kloster. Mit 19 Jahren sind Sie eingetreten. Mit 10 Jahren haben Sie bereits überlegt Priester zu werden.
Mit zehn Jahren habe ich mit meinem Vater gesprochen, weil ich von der Erstkommunion sehr berührt war. Ein Bruder von meinem Vater war hier in Münsterschwarzach Mönch. Sie haben organisiert, dass ich mit zehn Jahren ins Internat nach St. Ludwig und dann hier nach Würzburg komme. Natürlich habe ich mich in der Schulzeit immer gefragt, ob ich das wirklich machen soll. Aber der Weg war klar und nach dem Abitur bin ich gleich eingetreten.
Haben Sie sich nie die Frage gestellt, ob es die richtige Entscheidung war ins Kloster einzutreten? Der richtige Weg?
An Gott habe ich nie gezweifelt. Aber gezweifelt habe ich schon manchmal, ob der Weg hier im Kloster der richtige ist. Besonders am Anfang hatte ich oft die Angst, dass es zu eng ist und dass ich nicht richtig nach außen wirken kann. Aber heute ist die Angst längst verflogen. Ich bin dankbar, dass ich hier bin.
Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen. Was steht auf Ihrer Wunschliste? Was wünschen Sie sich für Ihr 80. Lebensjahr?
Für mich selber habe ich keine Wünsche. Ich habe alles, was ich brauche. Ich wünsche mir nur, dass Gott mir weiterhin Gesundheit gibt, dass ich weiter gerne arbeiten kann. Und für die Gesellschaft wünsche ich mir, dass sie nicht in der Hoffnungslosigkeit versinkt, sondern Hoffnung hat, dass auch mitten in den Krisen etwas Neues aufbrechen kann.
getextet von Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de
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Text: Ronja GojIn: Pfarrbriefservice.de
