„Es sind so viele Erlebnisse, Ereignisse, Erfolge, die ich mit dem Fußball hatte. Sie waren es Wert Opfer zu bringen.“

Wie Lena Lotzen zur Profifußballerin wurde

Lena Lotzen: Sie ist 26 Jahre alt, Profifußballerin, erfolgsgekrönt. Bundesliga, DFB Pokal, Bundesliga Cup, Champions League, Nationalmannschaft. 25 Länderspiele und Europameisterin 2013. Acht Jahre lang war sie beim FC Bayern München. Seit 2018 steht sie beim SC Freiburg unter Vertrag. Vom Amateurverein in die Bundesliga – im Gespräch erzählt sie, wie ihr dieser Einstieg gelang.

Durch einen Kindergartenfreund bin ich zum Fußball gekommen. Ich bin mitgegangen, weil er zum Training gegangen ist. Es hat mir Spaß gemacht und ich bin dabei geblieben.

Bis ich fast 17 Jahre alt war, habe ich bei den Jungs in Würzburg mitgespielt. Wir waren in der Bezirksoberliga. Manche Trainer wollen gewinnen und lassen deswegen kein Mädchen spielen. Ich hatte einen Trainer, der mich unterstützt hat. Der mich spielen ließ. Mit 16, fast 17 habe ich meine Realschule in Würzburg fertig gemacht und bin direkt zu Bayern München gewechselt.

Die Alternative wäre damals gewesen, dass ich zum ETSV gehe. Die haben in der Bayernliga gespielt. Wäre ich nicht zu Bayern München gewechselt, wäre ich vielleicht in der Bayernliga geendet und hätte nach zwei Jahren die Lust verloren und aufgehört. So habe ich mich bei Bayern München mit fast 17 Jahren in der Bundesliga durchgesetzt.

Bei Bayern München spielen, allein schon dieser Name - alles, was ich mir als Kind erträumt habe, ist in Erfüllung gegangen.

Es war cool von zu Hause weg zu gehen, in der großen Stadt zu sein. Du konntest machen, was du wolltest. Aber es war ein riesen Schritt mit 16 Jahren alleine wegzuziehen, zweieinhalb Stunden von zu Hause entfernt zu sein. Das war nicht leicht. Ich hatte Heimweh. Ich habe dort in einem Internat gewohnt. Habe meine FOS, meine Fachoberschule nebenbei gemacht. Musste vieles selber organisieren. Meine Eltern waren nicht da, mein Bruder war nicht mehr da. Ich hatte dort auch Phasen, in denen es mir sehr, sehr schwer fiel. Ich hätte nichts dagegen gehabt, noch zwei, drei Jahre länger zu Hause zu sein.

Auf der anderen Seite glaube ich, dass ich sehr früh erwachsen geworden bin, dadurch, dass ich vieles alleine machen musste. Ich war sehr früh sehr selbstständig in der großen Stadt und habe Dinge erlebt, die viele Menschen erst später in ihrem Leben erlebt haben. Sei es, in einer Großstadt klar zu kommen, in eine neue Schule zu gehen, weg von zu Hause zu sein, einzukaufen, zu waschen. Auf einmal musste ich alles selbst machen. Das hat mich weitergebracht, auch, wenn ich es erst ein paar Jahre danach gesehen habe.

Ich habe ehrlich gesagt nie daran gedacht, professionell Fußball zu spielen oder es als Beruf zu machen. Dass ich es in die A Nationalmannschaft geschafft habe und Europameister wurde, damit habe ich nie gerechnet. Eins hat das andere gegeben. Es kam Stück für Stück. Bei mir hat sich das entwickelt. Es lief einfach so. Ich habe alles mitgenommen, wie es gekommen ist. Das war gut, weil ich mir dadurch keinen großen Druck gemacht habe. Ich habe mir nie konkrete Ziele gesetzt. Ich hatte immer Spaß und wollte mein Bestes geben. Klar habe ich trainiert und viel dafür gemacht. Ich hätte zum Beispiel nie ein Training ausfallen lassen, weil ich keine Lust habe. Das gab es nicht. Du musst dich durch gewisse Sache durchbeißen. Du brauchst einen gewissen, einen gesunden Ehrgeiz. Aber, wenn du verbissen bist, geht es meistens nach hinten los. Es war nicht so, dass ich nicht gewusst hätte, was ich machen soll, wenn es nicht klappt.

Aber, ich habe auch die negative Seite vom Fußball kennengelernt. Ich habe mich oft schwer verletzt und das hat meiner Karriere einen Knick gegeben. Es waren zwei, drei Jahre, in denen ich gemerkt habe, dass ich richtig dafür kämpfen muss, damit ich es nochmal zurück schaffe. Das war das erste Mal, dass mir bewusst wurde, dass es knapp daran ist, meine Gesundheit für mein restliches Leben extrem zu gefährden. Ich hatte Phasen, in denen ich mir gedacht habe, boah, warum tue ich mir das alles an. Es waren keine schönen Erfahrungen, aber ich glaube, ich habe daraus viel gelernt. Oft sind die nicht so schönen Erfahrungen die wertvolleren.

Im Nachhinein habe ich diesen Schritt nie bereut, weil es fußballerisch so gut gelaufen ist. So viel zu opfern, zu investieren - das hat sich rentiert. Was ich mit dem Fußball erreicht habe, hätte ich niemals ohne den Fußball erlebt. Es sind so viele Erlebnisse, Ereignisse, Erfolge, die ich mit dem Fußball hatte. Sie waren es Wert Opfer zu bringen. Ich würde es niemals missen wollen.

protokolliert von: Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Ronja Goj
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