„Es bleibt unsere Aufgabe, viel mehr miteinander in Kontakt zu kommen“
Bruder Gabriel begegnet Menschen in Ost- und Westdeutschland – Ein Interview
Bruder Gabriel Zörnig (Jg. 1963) ist mit seinem rollenden Kloster, einem umgebauten Wohnmobil, unterwegs zu den Menschen. Er trifft sie in Ostdeutschland, dort vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in Westdeutschland. Er will für die Menschen da sein, für ihre Nöte und Sorgen, will zuhören und bestärken. Unterscheiden sich die Menschen und ihre Themen, abhängig davon, ob sie in Ostdeutschland oder in Westdeutschland zuhause sind? Ein Gespräch mit ihm über seine Erfahrungen.
Bruder Gabriel, haben die Menschen im Osten andere Fragen als im Westen?
Bruder Gabriel: Wenn ich im Westen mit Menschen ins Gespräch komme, ist oft erst mal Kirchenkritik angesagt. Da wird erst mal die Kirche durchgearbeitet. Im Osten ist es einfacher, schneller zu den eigentlichen Themen durchzudringen, also: Wie geht es mir und was ist für mich wichtig? Das kann man natürlich nicht so verallgemeinern. Aber meine Erfahrung ist schon, dass Kirchenkritik im Osten nicht so stark ist, weil die Menschen dort wenig bis keine Erfahrung mit Kirche haben.
Spielt das Thema Ost-West-Deutschland in den Gesprächen eine Rolle?
Bruder Gabriel: Bei den Mecklenburgern eher weniger. Die fühlen sich als Mecklenburger und nicht als Ostdeutsche. Wenn Menschen aus dem Westen sich schwer tun, hier Kontakt zu knüpfen, hat das nichts mit Ost-West zu tun. Die Mecklenburger sind sehr zurückhaltend. Das musste ich auch erfahren, als ich hier anfing zu arbeiten, obwohl ich auch aus dem Osten komme, aus der Nähe von Berlin. Es ist total kompliziert, mit den Mecklenburgern in Kontakt zu kommen. Aber wenn man sie einmal hat, dann sind sie treu. Dann halten sie zu einem.
Also spielt das Thema Ost-West keine Rolle mehr?
Bruder Gabriel: Doch, aber ich wünschte mir, es hätte sich ausgewachsen. Dem ist nicht so. Wenn Menschen beispielsweise zurückkommen von der Ausbildung oder der Arbeit sagen sie: Es ist schon schwer im Westen. Also sie merken, dass sie aus dem Osten kommen. Das ist immer noch ein Thema.
Inwiefern?
Bruder Gabriel: Wir haben im Osten ganz anders gelebt. Das Selbstbewusstsein ist nicht so eingeübt worden. Es wurde ja vieles vorgegeben. Und wir hatten nicht die großen Möglichkeiten für Entfaltung und eigene Meinung und Streitkultur. Das hat, glaube ich, viele ziemlich geprägt. Wenn man da von einer Ost-Mentalität sprechen will, gehört da aber auch dazu, dass wir schon auch kämpferisch waren. In der Kirche haben wir unsere Meinung gesagt – als Glaubende. Nicht gegen die Kirche, denn wir mussten ja zusammenhalten, sondern gegen die Vorgänge in der DDR. Bei den Jugendlichen heute ist das anders. Da gibt es diese Ost-Mentalität nicht mehr. Von daher glaube ich, dass sich das irgendwann auch verwächst mit Ost-West. Hoffe ich wenigstens.
Dafür kann man bei jungen Leuten so etwas wie Ost-Stolz oder auch ein neues Ost-Bewusstsein beobachten.
Bruder Gabriel: Das ist eine ganz wichtige Entwicklung. Was uns damals fehlte, war ein Selbstbewusstsein. Aber jeder Mensch braucht eine Identität, eine Heimat. Und deshalb sagen viele jetzt wieder: Ja, es ist gut, dass ich aus dem Osten komme – wegen der Identität, wegen des Selbstbewusstseins. Das ist nichts Negatives, ganz im Gegenteil.
Wenn Ihnen die Menschen von ihren Problemen erzählen, spielen da die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche seit der Wendezeit noch eine Rolle?
Bruder Gabriel: Sicher. Viele bezeichnen sich als Wendeverlierer. Menschen, die ihre Arbeit verloren und danach nichts Ordentliches mehr gefunden haben. Oder die bis zur Wende das Sagen hatten und danach abgemeldet waren. Sie wurden ersetzt durch Leute aus dem Westen, die wieder ihre eigenen Leute mitbrachten. Ich glaube, deshalb gibt es immer noch so ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Westen. Viele haben das Gefühl, dass sie immer noch nicht so viel wert sind wie die Menschen im Westen. Dabei gibt es ja durchaus Menschen aus Ostdeutschland, die sich hochgearbeitet haben.
Wenn sich jemand als Wendeverlierer sieht, wie können Sie ihm im Gespräch helfen?
Bruder Gabriel: Ich höre erst mal zu und versuche zu verstehen. Das tut den Menschen gut. Ich glaube, ich kann ihnen auch helfen, indem ich ihr Selbstbewusstsein stärke. Ich ermuntere sie dann und sage beispielsweise: Dann hau doch mal auf den Tisch und sag, ich kann das auch. Oder: Aus mir ist auch was geworden, obwohl ich aus dem Osten komme. Ich glaube, was wir im Osten ziemlich gut können und was man stärken muss, ist Improvisieren. Es gab ja zu DDR-Zeiten fast nichts. Mir hat meine Mutter immer gesagt: ‚Aus Kacke macht der Ossi Kakao‘. Sie meinte damit, sich den Widrigkeiten zu stellen und das Beste daraus zu machen. Das ist eine Stärke. Wo ja gerade vieles im Umbruch ist. Aber das auch zu sehen, dafür braucht man ein gutes Selbstbewusstsein.
Wie schauen Sie selbst auf das innerdeutsche Verhältnis?
Bruder Gabriel: Da wächst ganz viel zusammen. Vielleicht noch nicht im Großen, aber es gibt überall Punkte, wo ich sage: Ach, ist ja schön, dass es funktioniert. Aber es bleibt unsere Aufgabe, viel mehr voneinander zu lernen, viel mehr zu beobachten, viel mehr in Kontakt zu kommen. Dann merken wir, es gibt nicht den Ossi und nicht den Wessi, sondern das ist immer eine ganz eigene Person. Manchmal hindern diese Vorstellungen vom Osten oder vom Westen daran, wirklich aufeinander zuzugehen.
Man denkt, zu wissen, wie der andere tickt, ohne es wirklich zu wissen. Das eint uns dann wieder, oder?
Bruder Gabriel: (lacht) Auf jeden Fall, ja.
Interview: Elfriede Klauer, In: Pfarrbriefservice.de
Mehr zu Bruder Gabriel und seinem rollenden Kloster: https://franziskanisch-unterwegs.jimdof…
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