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Erinnern

Den Spuren Gottes im eigenen Leben vertrauen

In vielen spirituellen und philosophischen Traditionen gilt das Erinnern als einer der unmittelbarsten Wege zu Gott oder zur Selbsterkenntnis. Der Grundgedanke lautet: Der Mensch muss Gott nicht erst „finden“, als wäre Er weit entfernt. Vielmehr gilt es, sich Seiner bleibenden Gegenwart wieder bewusst zu werden. Das Vergessen ist der Zustand, der den Menschen von dieser Wahrheit trennt. Auch Platon vertrat diese Auffassung. Die Seele besitzt bereits das Wissen um das Göttliche und die Wahrheit, hat es jedoch mit ihrer „Körperwerdung“ vergessen. Lernen und spirituelles Wachstum sind deshalb ein Wiedererinnern an den göttlichen Ursprung.

Auch im christlichen Abendmahl spielt das Erinnern eine brückenbauende Rolle zwischen Mensch und Gott. Jesus sagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Mt 26,26). Wenn man davon ausgeht, dass die Trennung von Gott letztlich nur eine Illusion des Verstandes ist, dann wird das Erinnern zu jenem Akt, der diese Illusion auflöst. Die Eucharistie ist dabei keine bloße Erinnerung an Vergangenes, sondern eine Gedächtnisfeier, die die Hingabe des Herrn am Kreuz in die Gegenwart jedes Menschen hineinträgt. Deshalb feiern seine Jünger – und mit ihnen auch wir – das Abendmahl immer wieder neu, weil sich der Gekreuzigte als Auferstandener in unser Gedächtnis gerufen hat.

Uns immer wieder an das zu erinnern, was Jesus gesagt und getan hat, ist einer der sichersten Wege zu Gott. Besonders gerne erinnern wir uns an seine sanfte Seite. Gerade darin zeigt sich die Handschrift Gottes, der nicht als machtvoller Herrscher in diese Welt kam, sondern in der Sanftheit, Unschuld und Anmut eines Kindes. Er will die Menschen nicht überwältigen, sondern für sich gewinnen. Seine größten Zeichen waren oft nicht die spektakulären Wunder, sondern die leisen Töne: seine Aufmerksamkeit für die Kleinen, Bescheidenen und Schwachen.

Innere Heimat

Wenn wir uns an Jesus erinnern, erkennen wir zugleich, dass wahres Erinnern nicht bedeutet, an den Fehlern anderer festzuhalten. Er fordert uns vielmehr auf, „nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“ zu vergeben (Mt 18,22). Denn Gott selbst „wirft unsere Schuld hinter seinen Rücken“ (Jes 38,17).
Vergessen kann aber auch bedeuten, die Wahrheit zu verdrängen – unsere eigenen Fehler ebenso wie die dunklen Kapitel unserer Geschichte. Erinnern heißt deshalb, Vergangenheit ehrlich anzunehmen und aus ihr zu lernen.

Vielleicht könnte jeder von uns jeden Abend einen schönen Moment des Tages auf einen kleinen Zettel schreiben und ihn in einem „Erinnerungsglas“ sammeln. Am Ende des Jahres kann man diese Erinnerungen gemeinsam lesen. Gute Erinnerungen schenken uns eine innere Heimat. Der Dichter Jean Paul formulierte es einmal so: „Das Erinnern ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“

Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe
In: Pfarrbriefservice.de

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