Ein Riss geht durch die Gesellschaft

Entfremdung, Verrohung, Extremismus und die Rolle des Internet

Die Entfremdung voneinander zieht sich durch alle Schichten und fast sämtliche Generationen. Menschen hören sich nicht mehr richtig zu, brüllen aufeinander ein. Keiner fühlt sich mehr verstanden. Übelste Beschimpfungen in Internetforen, auf Online-Kommentarseiten ebenso wie in den sozialen Medien scheinen die Diskussionskultur im Netz zu prägen.

Wiedererstarken von Extremisten

Populistische und extremistische Strömungen erstarken nicht nur in Deutschland, sondern sind zu einem globalen Problem geworden. Beharrlich arbeiten deren Hauptfiguren und ihre Anhänger durch gezielte Provokationen und Tabubrüche daran, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Ihr Ziel ist die Aushöhlung demokratischer Strukturen und der liberalen Gesellschaftsordnung westlicher Prägung. Deren Zerstörung nehmen sie letztlich billigend in Kauf, um ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung durchzusetzen.

Gewalt im Netz und in der wirklichen Welt

Infolgedessen erleben wir aktuell eine Welle an Anfeindungen und Gewalt gegen Schwächere und Minderheiten, seien es Migranten, Frauen, Schwule, Lesben, Muslime und Juden. Diese äußert sich vor allem durch aggressive Sprache in sozialen Medien und auf Kommentarseiten im Netz. Hate Speech (Hassrede) ist die Begrifflichkeit für ein neues Phänomen, das nur im Schutz der Anonymität gedeihen konnte. Für manche Zeitgenossen fallen damit alle Hemmungen. Sie entladen ihren angestauten Hass, indem sie verbal auf Minderheiten einprügeln und zur Gewalt gegen sie aufrufen. Menschen, die sich nicht wehren können, werden verantwortlich gemacht für tatsächliche oder vermeintliche Übel unserer Zeit. Immer öfter setzt sich dieser virtuelle Hass dann auch in die wirkliche Welt fort. Er entlädt sich beispielsweise in Pöbeleien bis hin zu körperlichen Angriffen gegen Einzelpersonen in der Öffentlichkeit, in Anschlägen auf Asylbewerber-Heime oder auf Versammlungsorte religiöser Gemeinschaften.

Die Suche nach den Ursachen

Es gibt sicherlich nicht die eine Ursache für diese bedenklichen Entwicklungen. Jedoch beobachten Sozialwissenschaftler schon seit einigen Jahren eine zunehmende Verunsicherung der Menschen angesichts einer sich schneller ändernden Welt. Stichworte sind Globalisierung, Digitalisierung, Migration und der Klimawandel, um nur einige zu nennen. Das Gefühl, „abgehängt“ zu sein, beispielsweise in Teilen der Landbevölkerung oder bei Menschen in niedrigqualifizierten Jobs, kommt oft hinzu. Gleichzeitig findet ein Wertewandel statt, die sog. „Ich“-Kultur greift um sich. Eine falsch verstandene Freiheit verführt zu überzogenen Selbstverwirklichungs-Bestrebungen des Einzelnen, durch die das gesellschaftlich-soziale Miteinander mehr und mehr aus dem Blick gerät.

Rolle der Neuen Medien

Nicht zuletzt spielen die sog. „Sozialen Medien“, wie Facebook, Twitter und YouTube eine nicht unbedeutende Rolle in dem Spiel. Das Phänomen der Filterblase verführt Menschen, die sich hauptsächlich im Netz mit Informationen versorgen, zu einer einseitigen, verengten Sicht auf die Welt. Selbst für die absurdesten Thesen finden sich im Netz Gleichgesinnte, die sich zu virtuellen Gruppen zusammenschließen und die sich gegenseitig in ihrem Weltbild bestätigen und bestärken. Untersuchungen zeigen, dass provokante oder aggressive Kommentare in sozialen Medien häufiger eingeblendet werden und damit deutlich mehr Klicks erzeugen als moderate Äußerungen. Die Betreiber sozialer Plattformen sind von Werbeinnahmen und damit von der Anzahl der Klicks abhängig. Sie haben gar kein Interesse, daran etwas zu ändern. Extremisten machen sich das zunutze, indem sie Falschmeldungen („Fake News“) gezielt im Netz platzieren. Mithilfe der neuen technischen Möglichkeiten gelingt es ihnen schneller als je zuvor, Anhänger ihrer gefährlichen Bewegungen zu gewinnen. So radikalisierte Menschen lassen sich leichter zu Gewalt und Aggression als Mittel der Durchsetzung hinreißen.

Demokratie und Frieden in Gefahr

Dabei wurde das Internet in seinen Anfangsjahren als Heilsbringer gepriesen. Es versprach die Menschen näher zusammenzubringen. Das bis dahin bestehende Wissensmonopol der klassischen Medien wich zunächst einer Dezentralisierung und Diversifizierung. Die frühe Ära der Blogger zeugt davon. Die Technik befähigte nun jeden Menschen, seine Sicht der Dinge weltweit zu veröffentlichen. Man konnte sich weltweit über spezielle Interessensgebiete austauschen und gemeinsam an Projekten arbeiten. Auch eine Wikipedia wäre ohne das freie Netz nicht denkbar.

Doch in Teilen haben sich die elektronischen Kommunikationsnetzwerke für viele Beobachter als die sprichwörtlichen Geister entpuppt, die Goethes berühmter Zauberlehrling nicht mehr los wurde. Der weitgehend unregulierte digitale Kapitalismus, für den neue Monopolisten, wie z.B. Facebook / Instagram, Google / YouTube oder Twitter stehen, befördert in seiner jetzigen Ausprägung auch Hass und Zwietracht unter den Menschen, und das in einem Besorgnis erregenden Ausmaß.

Staaten stehen solchen Entwicklungen bisher scheinbar machtlos gegenüber. Wo Meinungen und Wahlen systematisch manipuliert, Verrohung im Umgang miteinander massenhaft befördert, Menschen radikalisiert und gegeneinander aufgehetzt werden, sind der gesellschaftliche Zusammenhalt und damit auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung akut in Gefahr.

Christian Schmitt,
In: Pfarrbriefservice.de

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Das Schwerpunktthema für Mai 2020

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Text: Christian Schmitt
In: Pfarrbriefservice.de