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Ein Heidenspektakel

Wie Texte der Bibel die Fastnacht prägten

Seit den Zeiten des Papstes Gregor des Großen (590–604) bis zur Liturgiereform in Deutschland (1970) nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962–1965) gab es für den Karnevalssonntag (Quinquagesima) eine gleich bleibende Perikopenordnung: Die Lesung trug das Hohelied der Liebe vor (1 Kor 13,1-13), in der das Fehlen von Gottes- und Nächstenliebe als närrisch gedeutet wurde, und das Evangelium den Weg Jesu über Jericho nach Jerusalem (Luk 18,31-43). Der Text der Lesung stand in einem großen Zusammenhang: Im biblischen Sinn ist der ein Narr, der Gott leugnet und dem darum der Mensch das Maß aller Dinge ist (Ps 53,2; Mt 5,22), der alles auf das Hier und das Jetzt setzt (Lk 12,12), der seine einzige Hoffnung auf irdische Güter richtet (Ps 49,11), der sich Dinge rühmt, die er nicht oder zu Unrecht erworben hat und dann damit prahlt (Jer 17,11; 2 Kor 11,17.21 u. 12,16).

Vom „alten“ und vom „neuen“ Menschen

Was gemeint ist, „übersetzt“ der Epheserbrief (4,17b-24) in das Bild vom alten und dem neuen Menschen: „Lebt nicht mehr wie die Heiden in ihrem nichtigen Denken! Ihr Sinn ist verfinstert. Sie sind dem Leben, das Gott schenkt, entfremdet durch die Unwissenheit, in der sie befangen sind, und durch die Verhärtung ihres Herzens. Haltlos wie sie sind, geben sie sich der Ausschweifung hin, um voll Gier jede Art von Gemeinheit zu begehen. Das aber entspricht nicht dem, was ihr von Christus gelernt habt. Ihr habt doch von ihm gehört und seid unterrichtet worden in der Wahrheit, die Jesus ist. Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht, ändert euer früheres Leben, und erneuert euren Geist und Sinn! Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ Der „alte Mensch“ ist ein Narr, der in der Sünde verharrt; der „neue Mensch“ ist der Christ, der Jesus Christus und seinen Regeln nachfolgt.

Während die Fastenzeit eine Übung und ein Weg zum neuen Menschen ist und in dieser Zeit am Erstarken des „Reiches Gottes“ gearbeitet wird, bietet die Fastnacht Gelegenheit, spielerisch, auf Zeit und – natürlich nur zum Abgewöhnen – den „alten Menschen“, den Narren, nachzuspielen. Die pädagogische Spielregel lautet: Erfahre an dir selbst, wie falsch närrisches Verhalten ist, kehre um, alter Mensch, und werde zu einem neuen Menschen, einem Christusnachfolger! Während der Narr in und für diese Welt lebt, soll der Christ zwar in der Welt, aber nicht für diese Welt leben.

Viel Lärm um nichts

Auch die Fastnacht empfing ein Schlüsselelement aus der Liturgie. Nach dem Episteltext (1 Kor 13,1: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“) galt der Narr als einer ohne (Gottes- und Nächsten-) Liebe, dem kein Sein und kein Haben über dieses Defizit hinweghelfen kann. Wer ohne Nächstenliebe ist, der ist und bleibt ein Narr. Folgenreicher war das mit dieser Narrendefinition verbundene Bild vom „dröhnenden Erz“ und der „lärmenden Pauke“. Seit dem Mittelalter definiert sich der Narr und Gottesleugner in seiner Erscheinung mit Schelle und Pauke: viel Lärm um nichts. Die Schelle wurde zum Erkennungszeichen des Narren. Abraham a Santa Clara (1644–1709), der bildhaft-wortgewaltige Barockprediger, definierte die Narren als Kinder dieser Welt, die „vorn und hinten mit Schellen“ geziert sind. Ihnen ist die Gottesliebe verloren gegangen und deshalb machen sie mit Schellengeläut das Böse wichtig. Es gehört geradezu zum Wesen des Bösen, dass es laut auftritt und auf sich aufmerksam macht; der „Heidenspektakel“ ist noch immer sprichwörtlich. Das Gute dagegen lässt sich eher im Verborgenen finden und muss deshalb gesucht werden (vgl. das Bild vom Reich Gottes als verborgener „Schatz im Acker“, Mt 13,44).

Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, www.brauchtum.de, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, www.brauchtum.de
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