„Ecce homo!“
Gedanken zum „Menschen“
Es war Pontius Pilatus, Statthalter des römischen Kaisers Tiberius in der Provinz Judäa, der damals keinen triftigen Grund für die Verurteilung Jesu fand und den Gefolterten mit Dornenkrone und Spottmantel dem jüdischen Volk präsentierte mit dem Satz: „Ecce homo!“ (Joh 19,5). Frei übersetzt heißt das: „Da, seht ihn euch an, den Menschen!“ Dieser Schmerzensmann Jesus hat wie kaum ein anderer mit seinem gesamten Leben das sichtbar und erfahrbar gemacht, was wahre Menschlichkeit in den Augen Gottes bedeutet.
Was ist der Mensch?
Woran denken wir, wenn es darum geht, „Mensch zu sein“? An ein Wesen mit großem Gemeinschaftssinn, mit Sprache, Feuer, Handwerk, Wissenschaft, Kunst, Musik und Spiel? Oder denken wir an den Menschen als Gottes Geschöpf und „Gottes Ebenbild“? Denken wir noch daran, dass Gott im Paradies unser Gegenüber war, dass er uns zu seinen Stellvertretern auf Erden gemacht hat, die an seiner Stelle über die Erde herrschen sollen? Nicht im Sinne von Willkür und Ausbeutung, sondern im Sinne des Bebauens, Bewahrens, Hegens und Pflegens. Wir sollten uns auch immer wieder bewusstmachen, dass wir als Menschen nicht in die alte Zerrissenheit von Geist und Materie hineinfallen. Beides muss sich berühren und einer Einheit entgegenstreben, die sich als die Kraft hinter allem erweist, was ist, was war und was sein wird. „Materie“ hat etwas mit dem Mütterlichen zu tun, jenem Urgrund, der uns eine ganz bestimmte Art des Seins zu schenken in der Lage ist: nämlich „Mensch“ zu sein. Das heißt, dass wir uns als eine Einheit begreifen können, als einen ständigen Dialog zwischen einem „stoffgebundenen Geist“ und einem „geistbegabten Stoff“.
Lebenslanges Bemühen um Einklang
Martin Luther formuliert menschliches Wesen mit einem zwiespältigen Doppelbegriff. Er nennt ihn erfahrungsgemäß „simul Justus et Peccator“ – „einen Gerechten und Sünder zugleich“, ein Wesen mit großartigen und mit schrecklichen Seiten. Ein Wesen, das Hungrige speist, Durstige tränkt, Nackte bekleidet, Fremde beherbergt, Kranke und Gefangene besucht. Aber auch ein Wesen, das betrügt, raubt, Kriege führt, missbraucht, vergewaltigt, tötet und unterdrückt. Menschen sind Wesen, die sich verantwortlich fühlen, die achtsam und fürsorglich sind, aber auch egoistisch, überheblich und bösartig. Wir sind Wesen, die stark lieben und stark hassen können, die einander verzeihen, aber auch verdammen können. Wir sind Wesen, die sich ein Leben lang mühen und anstrengen müssen, damit sie mit sich selbst, mit ihren Mitmenschen und der Natur im Einklang leben können. Wesen, die stets nach ihrem inneren und äußeren Gleichgewicht suchen müssen, bis sie ihr Ziel, ihre Erfüllung und ihre Heimat finden in Gott, der sie erschaffen hat, immer liebt, sich um sie sorgt, ihnen verzeiht und ihnen mit großem Wohlwollen entgegenkommt.
Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe, In: Pfarrbriefservice.de
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Text: Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und TheologeIn: Pfarrbriefservice.de
