Die Rebellion beginnt im Einkaufskorb

Wie der eigene Kochlöffel hilft, sich vom Einheitsgeschmack zu befreien

Wenn wir auf der Suche nach Essbarem durch die ewig langen Gänge unserer Supermärkte streifen, wähnen wir uns im Schlaraffenland: Die Auswahl an verpackten und eingeschweißten Lebensmitteln scheint unendlich. Wir wissen oft kaum, für was wir uns entscheiden sollen. Wozu noch kochen, wenn „hausgemachte“ Fertigprodukte locken? „Aufwärmen und genießen“ lautet das Versprechen: Was will man mehr?

Abhängig vom Geschmack weniger Einkäufer und Unternehmen

Besser nichts, denn die Herstellungsprozesse hinter den bunten Verpackungen sind mittlerweile so komplex, dass wir Bücher, Dokumentationen und zahlreiche Experten brauchen, um zu verstehen, was alles in den hochverarbeiteten Produkten enthalten sein kann. Oder könnte. Die Enthüllungen reichen von ungesunden Zusatzstoffen über Rückstände aus der Produktion bis hin zu eng verflochtenen Wirtschaftsstrukturen hinter den Markennamen, die zeigen, dass die scheinbare Vielfalt mittlerweile in den Händen weniger Konzerne gebündelt ist. In solchen Momenten erahnen wir, wie abhängig wir vom Geschmack weniger Einkäufer und Unternehmen geworden sind, die heute bestimmen, was wir in unseren Supermärkten finden. Der echte Geschmack bleibt meist auf der Strecke, wenn es darum geht, Profite zu maximieren und an Rohstoffen zu sparen: Künstliche Aromen, Zusatzstoffe und ein enormer Preisdruck auf die Produzenten sind die Kehrseite unseres bequemen Schlaraffenlandes.

Berühren, beschnuppern und verkosten

Was tun? Das mächtigste Mittel gegen die Abhängigkeiten der Lebensmittelindustrie ist in jeder Küche zu finden: Es ist der eigene Kochlöffel. Jeder, der Zuhause mit frischen Zutaten kocht, kann aus seiner Küche einen Zelle des Widerstands machen und mit Messer, Topf und Gabel zum eigenen kulinarischen Befreiungskampf ansetzen. Nach Herzenslust können wir hier probieren, kombinieren und Lebens-Mittel mit allen Sinnen erforschen. Wir können die Dinge, die über Löffel und Gabel später ein Teil von uns werden sollen, betrachten, berühren, beschnuppern und verkosten. Ob im rohen Zustand, gedünstet, gebraten oder püriert – an jedem Punkt entscheiden wir und sonst niemand, was uns schmeckt, nährt und gut tut. Am eigenen Herd sind wir die Chefs und bestimmen, wie viel Salz oder Zucker am Ende auf dem Teller landet. Wer statt Plastikfolie und Pappkarton wieder Kartoffel und Schäler in die Hand nimmt, macht sich unabhängig vom einfältigen Massengeschmack, unnötigen Zusatzstoffen und Täuschungen aus dem Chemielabor.

Ein leckeres Bündnis entsteht

Wer einmal revolutionäres Feuer am Herd gefangen hat, trägt die Rebellion bald aus der eigenen Küche hinaus und wird bereits beim Einkauf aufmüpfig. Beliebte Orte des Widerstands sind dann nicht nur die Gemüse-Abteilungen im Supermarkt, sondern auch immer häufiger Wochenmärkte und Besuche bei lokalen Produzenten. Auf der Suche nach frischen Lebensmitteln kann man sich hervorragend mit freien Bauern, widerständigen Bäckern und Metzgern verbünden. So entsteht schnell ein leckeres Bündnis aus vielen direkten Verbindungen. Das Schöne daran: Unsere eigene kulinarische Souveränität lässt auch die Unabhängigkeit anderer wachsen. Sobald wir wieder anfangen, souveräner und direkter zu entscheiden, was in unserem Einkaufskorb und später im Topf landet, desto mehr können wir beeinflussen, wer uns ernährt und wie die Bedingungen aussehen, unter denen unsere Lebensmittel entstehen.

Zeit für eine Essens-Revolution

Aktuelle Studien zeigen, dass vor allem für junge Menschen das Thema Ernährung wieder wichtig wird. Die sogenannten Millennials, die um die Jahrtausendwende geboren sind, treffen sich nicht nur auf Street-Food-Märkten und gehen statt in den Club immer häufiger in Szene-Restaurants, sie stehen auch wieder deutlich länger am Herd als noch die Generation vor ihr. In den Foodie-Küchen gehören frische und gesunde Lebensmittel inzwischen zum angesehenen Lifestyle. Zeit, sich der Essens-Revolution anzuschließen. Altersgrenzen gibt es dabei erfreulicherweise keine.

Hendrik Haase
Quelle: frings. das misereor-magazin 1/2017, In: Pfarrbriefservice.de

Zur Person: Hendrik Haase ist Food-Aktivist, Designer, Fotograf und Kommunikationsberater. In seinem Blog schreibt er über Genuss, Lebensmittel und ihre Herkunft. Über zahlreiche Aktionen und Medien versucht Hendrik Haase Brücken zu schlagen – von der Produktion zum Konsum, vom Acker zum Teller: hendrikhaase.com

Verknüpft mit:
Das Schwerpunktthema für Juli / August 2020

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Text: Hendrik Haase
In: Pfarrbriefservice.de