Ein Interview mit Heike Leitschuh

Ronja Goj
27.08.2019 - 16:10

Ellenbogen raus. Sich selbst der Nächste sein. Ich, ich, ich. Eine Haltung der Menschen dieser Zeit. Doch woran liegt das? Und wie gelingt es, die Gesellschaft rücksichtsvoller, hilfsbereiter und gemeinschaftlicher zu machen? Heike Leitschuh ist Autorin, Moderatorin und Beraterin für Nachhaltige Entwicklung. 2018 brachte sie das Buch „ICH ZUERST! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“ heraus. Ein Gespräch mit ihr über Leistungsdruck, Ego-Zombies und Gegenkulturen.

Ein Krankenwagen steht auf der Straße und blockiert das Auto einer Frau. Die ärgert sich so sehr, dass sie daraufhin den Krankenwagen blockiert. Ein alter Mann bricht in einer Bankfiliale zusammen. Vier Kunden steigen über ihn hinweg und erledigen ihre Bankgeschäfte. Erst der fünfte hilft. Sind die Menschen zu Egoisten geworden?

Heike Leitschuh: Die Ich-zuerst-Haltung gegenüber Fremden ist enorm prägend für die Atmosphäre, in der wir leben. Es ist leider so, dass wir im Kleinen, im Alltag beobachten, wie Hilfsbereitschaft, Solidarität und Empathie schwinden. Ich denke aber nicht, dass die Menschen egoistischer geworden sind oder ihren Egoismus stärker ausleben. Ich glaube, viele agieren auch aus blanker Not. Sie fühlen sich extrem unter Druck.

Woher kommt dieser Druck?

Ich führe das auf das große Stichwort Neoliberalismus zurück. Er ist inzwischen sehr stark in die Kultur unserer Gesellschaft eingedrungen. Und wir spüren jetzt, wie sich dadurch das Zusammenleben unserer Gesellschaft verändert.

Neoliberalismus?

Eine Wirtschaftsideologie, die seit rund 30 Jahren die Maßlinie für unser wirtschaftliches und politisches Handeln ist. Die Idee: Möglichst wenige Regeln sollen ein wirtschaftlich bestmögliches Ergebnis sichern. Ein großes Standbein des Neoliberalismus ist dabei die Individualisierung.

Aber Individualität ist doch gut. Sie gibt Freiheit.

Ja, aber sie hat zu einem stärkeren Konkurrenzdenken geführt. Jeder muss selber schauen, wie er sich fortbildet, wie er weiterkommt. Das wirft die Menschen sehr auf sich selbst zurück. Das Konkurrenzverhältnis zueinander ist enorm groß geworden, die Probleme, die sich ergeben, wenn man pendeln muss, der Zeit- und Leistungsdruck.

Vielleicht haben die Menschen Angst in der Leistungsgesellschaft nicht zu bestehen.  

Absolut. Angst ist ein ganz wichtiger Faktor. Wir leben in einer Zeit, in der sich Veränderungen in unserer Gesellschaft rapide vollziehen. Beruflich reden wir zum Beispiel von lebenslangem Lernen. Das ist ein schöner Begriff, aber er kann auch ängstigen. Ich bin nie genug ausgebildet, weiß nie genug. Immer könnte jemand etwas besser wissen als ich. Das ist im privaten Bereich genauso. Immer herrscht die Angst: Ich komme da nicht mit!

Deshalb versuchen viele Menschen sich permanent selbst zu optimieren.  

Diese Selbstoptimierung treibt seltsame Blüten. Die Menschen beobachten sich ständig, schleppen Messgeräte mit sich herum. Wie ist mein Puls? Was esse ich? Welche Kleidung ist angesagt? Hat die Kita für 2-Jährige Bildungsangebote? Das ist der traurige Ausdruck davon, dass viele meinen, das Leben besteht nur darin, sich bestmögliche Startbedingungen für den Hase-Igel-Wettlauf zu schaffen.

Was macht das mit den Menschen?

Sie befinden sich in einem Hamsterrad. Bei vielen führt es zu einem Tunnelblick. Sie haben das Gefühl, dass sie keine andere Chance haben, als Scheuklappen aufzusetzen und sich gegenüber ihren Mitmenschen eine gewisse Gleichgültigkeit anzugewöhnen.

Im Alltag lässt sich das gut beobachten. An der Bushaltestelle oder am Bahngleis. Fast jeder hat Kopfhörer auf und starrt auf sein Smartphone.

Der Kopfhörer ist das Sinnbild für Abschottung geworden. Die Menschen hören nichts und sind in einer anderen Welt. Sie sind für sich allein. Die neuen Medien lenken uns enorm ab. Sich dagegen zu wehren, ist verdammt schwer. Es erfordert viel Disziplin, weil es Suchtcharakter hat. Ich glaube, dass uns das gegenüber unserer Mitwelt sehr stark unachtsam macht.

Wie gelingt es dieses Verhalten zu ändern? Die Gesellschaft wieder rücksichtsvoller zu machen?

Es ist nicht angebracht, den Finger auszufahren und auf andere zu zeigen. Wir sollten uns davor hüten, Menschen in schwarz und weiß einzuteilen. Da gibt es die guten, die hilfsbereiten, die solidarischen und auf der anderen Seite die Ego-Zombies. Bei der großen Masse ist es so, dass der Riss durch sie selbst hindurch geht.

Ein Riss?

Wir sind am Vormittag freundschaftliche, hilfsbereite, solidarische Kolleginnen und Kollegen oder Familienmitglieder oder helfen einer Nachbarin. Aber wir können uns, sobald wir uns auf der Straße befinden, in der Bahn oder im Supermarkt, verhalten, als wären wir alleine auf der Welt und die Ellenbogen ausfahren.

Das heißt: Jeder ist ein Egoist. Jeder muss bei sich selbst anfangen.

Ich kann mein eigenes Verhalten an vielen Stellen verändern. Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn ich mich zum Beispiel mit einem Koffer auf der Treppe abmühe, darf ich nicht sagen: „Oh, die sind alle blöd. Keiner hilft mir!“

Aber, es ist blöd. Es sollte selbstverständlich sein, mit anzupacken und zu helfen.

Es macht keinen Sinn, sich zu beklagen, dass die Leute das nicht sehen oder dass die Hilfsbereitschaft abgenommen hat. Die Verhältnisse haben sich verändert, also muss ich mich daran anpassen.

Und meinen Koffer selbst tragen?

Nein, diejenigen, die Hilfe brauchen, sollten Hilfe erfragen. Ich kann nicht darauf warten, dass andere etwas für mich tun. Ich muss die Menschen bitten, mir zu helfen. Ich mache damit gute Erfahrungen. Niemand sagt „nein“. Das heißt, die Hilfsbereitschaft ist da, aber sie wird nicht angeboten. Das aktive Zugehen auf andere, das ist gefragt.

Es gibt zwar das afrikanische Sprichwort „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern“. Ist hier trotzdem die Politik in der Pflicht?

Es ist an der Zeit, politisch deutlich zu machen, dass unsere Gesellschaft mehr Solidarität braucht. Politik muss anders gestaltet werden. Wir reden immer über die großen Projekte. Die Politik muss ein stärkeres Augenmerk auf die kleinen, gesellschaftlichen Aktionen, die Pflänzchen, legen. Die werden belächelt, aber das sind die Initiativen, die eine neue Gesellschaft aufbauen.

Sie sprechen von Repair Cafés, gemeinschaftlichen Gärten, der Flüchtlingshilfe, der Tafel.

Es entwickeln sich mittlerweile Gegenkulturen. Die Art und Weise des Umgangs verändert sich. Es macht mir große Hoffnung, dass es in der jungen Generation sehr viele Initiativen, Projekte, Menschen gibt, die sich für solidarische, gemeinschaftliche und alternative Lebensformen einsetzen. Das sind wichtige Trends.

Aber Solidarität ist damit verbunden, dass ich mich auch einmal hinten anstellen muss. Anderen den Vortritt lasse. Zurückstecke.

Wenn ich einem Bettler einen Euro gebe, habe ich einen Euro weniger. Wenn ich möchte, dass eine Gesellschaft ausgeglichener ist, heißt das, dass manche etwas abgeben müssen, weil andere zu wenig haben. Solidarität heißt, miteinander zu teilen. Davon sind wir noch weit entfernt.

Ist die Individualität schuld? Wir leben in einer Gesellschaft, in der sie einen sehr hohen Stellenwert hat. Aber Individualität und Gemeinschaft sind Gegenpole.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. (überlegt) Ich glaube, wir haben sehr lange die Individualität überbetont. Zu gutem Recht. Aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus, der 50, 60er Jahre, die enorm einengend waren für das Individuum. Danach gab es einen großen Gegentrend, bei dem in die andere Richtung übertrieben wurde. Jetzt müssen wir beide Pole miteinander verbinden. Das ist die große Herausforderung.

Aber wie gelingt das? Individuell leben und sich in eine Gemeinschaft einfädeln?

Wir müssen begreifen, dass der Einzelne alleine keine Gesellschaft bildet, sondern, dass die Gesellschaft die Summe der Individuen ist. Sie müssen miteinander kooperieren, aufeinander Rücksicht nehmen und füreinander einstehen.

von: Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Ronja Goj
In: Pfarrbriefservice.de