„Die Langsamkeit ist eine Systemwidrigkeit. Ihr gleichwohl Raum zu geben und sie zu pflegen, ist eine Herausforderung der besonderen Art.“
Langsamkeit und Religion – Ein Interview mit Prof. Dr. Ralf Konersmann
Welche Rolle spielt die Langsamkeit in der Religion? Welche Bedeutung hat sie dort? Und kann die Religion einen bewussten Kontrapunkt zur Schnelligkeit dieser Zeit setzen? Prof. Dr. Ralf Konersmann ist Hochschullehrer und Publizist und war bis 2021 Direktor des Philosophischen Seminars an der Universität Kiel. Er ist unter anderem Autor des Buches „Die Unruhe der Welt“. Ein Interview mit ihm über die Ruhe, die im Paradies verloren ging, Augustinus und Tagediebe.
Wie steht es um das Verhältnis von Religion und Langsamkeit?
Prof. Dr. Konersmann: Auf die Frage, was es heißt, ein Leben im Geist des Glaubens und der Hoffnung zu führen, hat das Christentum zahlreiche Begriffe hervorgebracht oder geschärft – Begriffe, die als Wahlverwandte der Langsamkeit ansprechbar sind: die Geduld, die Demut, die Enthaltsamkeit, die Entsagung, das Warten, die Gelassenheit, die Zurückgezogenheit und, immer wieder, die Ruhe.
Die Ruhe und die Frage, wie sie den Menschen verloren ging, steht im Zentrum dieser jahrhundertelangen, spezifisch christlichen Begriffsarbeit. Während im Unterschied dazu die vorchristliche Stoa die Geschichte der Menschheit mit der Unruhe beginnen lässt und nach Mitteln und Wegen sucht, um zur „Ausgeglichenheit der Seele“ zu finden, kreist die jüdisch-christliche Erzählung um den Verlust der Ruhe. Demnach verspielte der ursprünglich als Ruhewesen geschaffene Mensch, der sich mit seiner Umgebung in bruchlosem Einvernehmen befand, die paradiesische Sorgenfreiheit und wurde aus der Ruhe vertrieben. Kain, der Sohn des Urpaares, erlebte eine zweite, gleichfalls schuldhafte Vertreibung, die in die Welt hineinführte, in der die Menschheit seither zurechtkommen muss. „Rastlos und ruhelos“ – so lautet der göttliche Bescheid – „wirst du auf der Erde sein.“ Schon so früh war es um Bedächtigkeit und Bedachtsamkeit geschehen.
Die Pointe dieser religiösen Erzählung lautet: Der Mensch ist zum Unruhewesen geworden, und die Unruhe ist das Zeichen seiner Schuld.
Aber ist diese Unruhe, diese Schnelligkeit nicht auch hilfreich.
Prof. Dr. Konersmann: Das ist in der Tat die Idee vor allem des Augustinus, der sich intensiv mit der skizzierten Situation des Menschen befasst hat. Das mittelalterliche Christentum hat vom Zeichencharakter der Unruhe nichts zurückgenommen. Es war aber auch zusehends bereit, in ihr das Mittel zu sehen, das, etwa in Form der Neugierde, die Menschen in die Lage versetzt, ihr Los langfristig zu verbessern. Man muss sich allerdings klarmachen, dass dieser Umwertungsprozess, diese Anerkennung der Unruhe, sich über Jahrhunderte hingezogen hat und bis heute widersprüchlich geblieben ist.
Inwiefern kann die christliche Religion ein Leben in Langsamkeit unterstützen?
Prof. Dr. Konersmann: Sie kann es, und sie hat es getan. Vergleichbar der Gelassenheit, die gleichfalls ein großes und genuin christliches Thema ist, fordert auch die Langsamkeit ein eigenes und abweichendes Zeitregime. Dementsprechend hat die christlich geprägte Kultur Europas zahlreiche Institutionen hervorgebracht, in denen es statthaft und sogar erwünscht ist, die Geschwindigkeit der alltäglichen Abläufe und Verrichtungen zu drosseln oder überhaupt auszusetzen: Universitäten, Akademien, Klöster. Diese Lebensformen der Langsamkeit – Nachdenklichkeit, Andacht, Meditation, das Gebet, der Gesang – waren hochgradig idealisiert. Thomas von Aquin konnte sagen, dass das klösterliche Leben das Übermenschliche im Menschen bezeugt. Langsamkeit war für diese Lebensformen zentral. Sie ergab sich aus der Einsicht, dass ein jedes seine Zeit nicht nur hat, sondern auch braucht.
Gibt es weitere Verbindungen zwischen Langsamkeit und dem Christentum?
Prof. Dr. Konersmann: Im Rückblick zeigt sich, dass die Theologisierung dieser anderen Zeiten und Zeitformen ambivalent ausfällt. Getragen von den Beschlüssen der Augsburger Konfession von 1530, haben die Verfechter der protestantischen Ethik die Abweichung vom geltenden Zeitregime als Pflichtverletzung verworfen und die Exponenten der Abweichung als Nichtsnutze, Drückeberger und Tagediebe unter Verdacht gestellt. Ein Tagedieb, kommentierte sinngemäß der Verhaltenslehrer Knigge, sündigt schwerer als ein Dieb, der einbricht, weil er die ihm von Gott geschenkte Lebenszeit leichtfertig vertut. Schon so früh trat damit das Ausmaß der Zumutung hervor, welches ein Phänomen wie die Langsamkeit für die moderne Gesellschaft bedeutet. Wir sollten uns also nichts vormachen. Die Langsamkeit, mag sie hier und da auch zu neuem Ansehen gekommen sein, ist eine Systemwidrigkeit. Ihr gleichwohl Raum zu geben und sie zu pflegen, ist eine Herausforderung der besonderen Art.
Literatur: Ralf Konersmann, Die Unruhe der Welt. 5. Aufl., Frankfurt am Main 2015.
Ralf Konersmann, Wörterbuch der Unruhe. Frankfurt am Main 2017.
Manfred Osten, „Alles veloziferisch“. Goethes Entdeckung der Langsamkeit. Frankfurt am Main 2003.
Das Interview führte Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de
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