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„Die Herkunft zu ehren, ermöglicht mir, gute Schritte nach vorne zu gehen“

Mutter- und Vatertag biblisch betrachtet – ein Interview mit Bruder Paulus

Muttertag und Vatertag sind zwar weltliche Gedenktage, aber die Aufforderung, seine Eltern zu ehren, kennt auch die Bibel im vierten der zehn Gebote. Ein Interview mit Bruder Paulus über den Sinn dieses Gebots, über das Schöne und Schwere in familiären Beziehungen und was zu mehr Freiheit führt.

Was bedeutet es, wenn uns die Bibel dazu auffordert, den Eltern Ehre zu erweisen?

Bruder Paulus (Kapuzinermönch, Autor und Seelsorger): Jeder Mensch hat eine Herkunftsfamilie. Und auch wenn uns heute angesichts von vielen gescheiterten Ehen und alleinerziehenden Menschen auch die Konflikte einfallen: Das Gros der Menschen kann zurückblicken auf eine Familientradition, die, wenn man so will, intakt ist. Es ist einfach immer noch der Normalfall. Und wo das nicht so ist: Familie hat man auch dann. Menschsein und Familie – das gehört zusammen. Die Familie prägt jeden und macht den Menschen genau zu dem, der er heute sein kann.

Welche Haltung oder Verhaltensweisen meint Ehren?

Bruder Paulus: Vater und Mutter in Ehren zu halten, heißt zuerst einmal zu schauen, welche Qualitäten habe ich von meiner Herkunft übernommen, von Papa und Mama. Was hält mich in dem Charakter, der ich heute bin? Es bedeutet auch, die Wunden in Ehren zu halten, die mir Vater und Mutter schlugen. Denn zu jeder Liebe gehört es, dass Menschen ihren Liebsten, also den Kindern, manches auch zumuten, was im Rückblick als Wunde gesehen wird, als Einschränkung. Auch diese Einschränkung hat in mir Möglichkeiten eröffnet, die ich sonst nicht gehabt hätte. Es geht darum, ein positives Verhältnis zu finden, auch zu dem, was ich für dunkle Flecken halte. Denn Verdrängen hilft gar nicht und Ankämpfen auch nicht. Es geht darum zu reifen an dem, was mir zugemutet worden ist – an Gutem und Schwerem.

Das vierte Gebot verknüpft das In-Ehren-halten der Eltern mit einer Verheißung: „… damit du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt!“ Warum?

Bruder Paulus: Die zehn Gebote sind Folgen aus der Erfahrung Israels mit einem Gott, der das Volk begleitet und aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit führt. Aus dieser guten Gotteserfahrung heraus wächst der Wille, die Herkunft zu ehren, was mir ermöglicht, weitere gute Schritte nach vorne zu gehen. Die Verleugnung der Vergangenheit trägt keine Zukunft in sich. Man ist eben nie ein unbeschriebenes Blatt. Wir müssen immer aus dem Vergangenen aufbauen. Aber diese Vergangenheit zwingt uns nicht, so weiterzumachen, sondern sie ist die Grundlage, auch Neues zu kreieren. Wir können unsere Vergangenheit reif und erwachsen in den Blick nehmen, um dann zu sagen: Wir glauben an einen Gott, der uns mit dem, was uns in der Welt und in der Vergangenheit bindet, zu neuen Schritten nach vorn befreit.

Das heißt, die Versöhnung mit dem, was man in der Herkunftsfamilie erlebt hat, ist wesentlich, um nach vorne gehen zu können. Wie kann Versöhnung gelingen, wenn schwere Dinge vorgefallen sind?

Bruder Paulus: Versöhnung kann nur gelingen, wo Schuld eingestanden wird. Das ist für Eltern oft super schwer, ihren Kindern auch mal zu sagen: Ich sehe ein, ich habe etwas falsch gemacht; ich sehe ein, ich habe vor lauter Begeisterung dir dieses und jenes zugemutet, weil ich dachte, so kriege ich dich am besten auf den Weg der Freiheit; oder: Ich wollte, dass aus dir was wird, damit ich stolz sein kann auf dich, und zwar vor meinen Freunden.

Ehre Vater und Mutter heißt im Grunde genommen auch: Ehre deine Tochter und ehre deinen Sohn. Habe deine Kinder auch dann im Blick, wenn sie erwachsen geworden und vielleicht so ganz anders sind, als du das gedacht hast. Als Sohn oder Tochter kann ich mich versöhnen, wenn es so ein Signal gibt seitens der Eltern. Falls nicht, kann ich mich als Glaubender an Gott wenden und ihn bitten, mich in die Freiheit zu führen – weg von Ablehnung, Bestrafung und Trotz den Eltern gegenüber hin zu mehr Verständnis für sie und Klarheit.

Wenn Kinder in ihrer Herkunftsfamilie zum Beispiel sexuelle Gewalt erleben oder Vernachlässigung, also Dinge, die einen quasi im Kern angreifen, dann ist das noch mal eine andere Geschichte, oder?

Bruder Paulus: Das sind unvorstellbare Verletzungen. So viele Menschen sind davon betroffen. Mir ringt das immer Respekt ab, wenn ich mit Menschen spreche und mir überlege, was sie alles erlebt haben in ihrem Leben und das kaum aussprechen können. Sie haben schon so viel geschafft.

Wenn Sie mich persönlich fragen, wie man damit umgehen kann, und auch wenn ich auf die Verletzungen meines Lebens zurückschaue, habe ich in den Kreuzwegstationen einen Anker gefunden. Da habe ich in Jesus jemanden an meiner Seite entdeckt, der geschlagen und entblößt wurde, der verspottet und falsch beurteilt wurde, dem man eine Dornenkrone zum Hohn aufgesetzt hat – das sind alles Erfahrungen, die Kinder und Jugendliche machen, und manche machen sie wirklich allerschwerstens. Im Kreuzweg zu entdecken, dass ich in der Not nicht allein gelassen bin, hat mir persönlich geholfen zu sehen: Am Ende soll doch siegen, dass ich geheilt werde, am Ende soll doch siegen, dass ich aufstehen kann aus allem Kreuz. Das ist eine Herausforderung, die die christliche Botschaft ganz tief in sich trägt.

Das vierte Gebot „Ehre Vater und Mutter“ spiegelt die Erfahrung Israels. Gibt es eigentlich im Christentum eine weitere Sicht auf Vater und Mutter?

Bruder Paulus: Ich glaube schon, dass in der Taufe die biologische Prägung einen Schritt nach vorne erfährt. Paulus sagt im Römerbrief, dass wir in der Taufe sterben in Christus und auferstehen zu einem neuen Leben. Das heißt: Vater und Mutter sind Werkzeug in den Händen Gottes, aber sie sind nicht die endgültige Bindung, sondern es gibt eine tiefere geistliche Bindung, die Gott mir anbietet. Darum gibt es ja diese harten Worte von Jesus: Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; lasst doch die Toten ihre Toten begraben – das sind Hinweise darauf, dass das Christentum eine gewisse Emanzipation in sich trägt.

Mir persönlich hat es sehr geholfen, zu wissen: Als Getaufter ist mein Verhältnis zu Vater und Mutter ein geläutertes Verhältnis, meine Verpflichtung kommt nicht mehr aus dem Blut, sondern die Eltern sind für mich Geschenke Gottes, die in mein Leben Schönes und auch weniger Schönes gegeben haben. Aber der Bezugspunkt für den Sinn meines Lebens liegt nicht bei Vater und Mutter, sondern er liegt in einer Verheißung, die mich vom Evangelium her in eine neue Familie führt.

Interview: Elfriede Klauer, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Elfriede Klauer
In: Pfarrbriefservice.de