Warum das Streiten sich bei Paaren so unterschiedlich auswirkt

Rudolf Sanders
11.02.2014 - 00:00

Warum eigentlich löst das Wort "Streit" bei vielen so unangenehme Gefühle aus? Zugegeben: Streit kann eine Partnerschaft an ihre Belastungsgrenze bringen. Besonders dann, wenn ein (Ehe-)Paar sich über Themen "fetzt", die einem persönlich höchst wichtig, der anderen dagegen als "peanuts" erscheinen. Wenn die beiden deshalb nicht verstehen und kaum benennen können, was da zwischen ihnen abläuft. Wenn sie nach immer wiederkehrenden destruktiven Mustern agieren oder sich ineinander verstricken wie Marionetten, die an unsichtbaren Fäden hängen. Wenn sie keine vertretbaren Kompromisse mehr finden können. Dann macht sich Unzufriedenheit in der Beziehung breit, und die erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen, die mit dem Streiten einhergeht, schadet auch der körperlichen Gesundheit.

Andere Paare dagegen empfinden ihre Streitereien sogar als eine Art "Sport" und fühlen sich dabei in keinster Weise verletzt. Tatsächlich kann Streiten eine Beziehung lebendig halten. Was heißt Streiten denn anderes als: Du bist mir noch wichtig. So wichtig, dass ich dir meine Emotionen, meine Wut, meinen Ärger zumute. In Paarberatungen erscheint es oft sogar so, dass mit dem Streit überhaupt erst etwas beginnt, was für die Entwicklung einer Beziehung zentral ist. Die Partner sagen sich dadurch miteinander: "Ich habe so viel Vertrauen, so viel Liebe zu dir, dass ich mich hier von einer Seite zeige, die ich vielleicht selber gar nicht an mir mag. Aber ich habe so viel Sicherheit in der Beziehung zu dir, dass du das aushältst, dass du das mit mir gemeinsam durchstehen willst. Dass wir durch diesen Streit zu einer neuen Qualität unseres Miteinanders kommen. Lass uns den Streit also als ein Geschenk betrachten, das uns beide im Moment zwar schmerzt, mit dem aber die Hoffnung verbunden ist, dass wir zusammen eine Zukunft haben."

Fixiert auf ein erlerntes Streitverhalten

Warum also wirkt Streit in manchen Beziehungen so zerstörerisch, in anderen dagegen ausgesprochen konstruktiv? Eine Antwort könnte sein: Weil viele auf ein ganz bestimmtes Streit­Verhalten fixiert sind, das keine Alternativen zulässt. Eine Fixierung, die sich meist aus schädigenden früheren Beziehungserfahrungen entwickelt hat. Diese "alten Filme" müssen Paare sich bewusst machen und allmählich auflösen, damit sie erfolgreich auf gleichberechtigtem Niveau interagieren und kommunizieren können.

Da reagiert jemand schnell eingeschnappt, ist für kein Argument mehr offen und verhält sich wie ein Vierjähriger im besten Trotzalter. Ein anderer kann alles, weiß alles besser und richtiger und mag sich vom Partner nichts sagen lassen. Verhaltensweisen, die in der ersten Verliebtheit kaum auffallen oder von denen manche glauben: Das ändert sich schon, wenn wir erst einmal verheiratet sind. Möglicherweise fühlt sich der Partner sogar mitschuldig daran: "Ich müsste ja vielleicht auch netter zu ihm sein." Oder: "Morgen koche ich ihm mal was besonders Gutes, dann geht es ihm bestimmt wieder besser." Das erwünschte Ergebnis bleibt allerdings aus; vielleicht fühlt der Störenfried sich in seinem Verhalten dadurch sogar erst recht bestätigt ...

Zwei Beispiele aus der Paarberatung

  • Herr A neigt dazu, zu allen Vorschlägen und Wünschen seiner Frau zunächst einmal "Nein" zu sagen. Die Folge: Dauerstress selbst um die nichtigsten Entscheidungen im Alltag. In der Beratung stellt sich heraus: Der Vater von Herrn A hatte versucht, seinem vierjährigen Sohn das Lesen und Schreiben beizubringen; das freie Spielen und sein Umgang mit Freunden wurden stark reglementiert, um ihn intensiv zu fördern und auf das Abitur vorzubereiten.
  • Frau B genoss als Kind einen Rundum-Service; die Eltern nahmen ihr (in bester Absicht) jede Mühe ab und räumten jedes Hindernis aus dem Weg. Die Folge: Frau B hatte später "im Leben" große Schwierigkeiten, ihre eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn für ihre Befriedigung zu sorgen.

Die Einsicht in solche Zusammenhänge liefert oft den Schlüssel für eine Befriedung konfliktträchtiger Partnerschaften. Einerseits erfährt der Partner dadurch: Mein Mann/meine Frau handelt nicht böswillig. Er/Sie verhält sich so, weil das in seiner/ihrer Herkunftsfamilie höchst hilfreich, vielleicht sogar überlebenswichtig war; daraus entwickelte sich diese typische Art, sich in nahen Beziehungen zu verhalten.

Das ständige "Nein" von Herrn A gilt also eigentlich gar nicht seiner Frau; er handelt nicht wie ein erwachsener Mensch, sondern wie das Kind, das er einmal war und das sich irgendwie gegen den übermächtigen Vater abgrenzen musste. Der genervte Partner lernt so, das Verhalten des anderen unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Andererseits ermöglicht diese Sichtweise auf die Geschichte, den Ursprung auch dem "Täter" selbst eine Versöhnung mit dem vorher abgelehnten und bekämpften dysfunktionalen Verhalten: "Ja, das bin ich auch, dieses Verhalten musste ich einmal lernen, um mein Leben damals zu bewältigen" ­ aus dieser Einsicht heraus ist ein Reifen und Hinzulernen anderer, partnerschaftsfördernder Verhaltensweisen möglich.

Chance für neue Möglichkeiten

Es lohnt sich also für Paare darauf zu achten, was ihr Verhalten, gerade auch ihr Streitverhalten geprägt hat, wie beide die geworden sind, die sie sind. Und sie haben die Chance, ausgetretene destruktive Pfade des Miteinanders zu verlassen und neue, konstruktive Möglichkeiten zu erlernen, mit sich selbst und anderen umzugehen. Viele brauchen dazu allerdings Hilfe "von außen"; Partnerschafts-Kurse und Eheberater sind dafür die richtigen Adressen.

Rudolf Sanders

Quelle: Fangt endlich an zu streiten, Zeitschrift "neue gespräche" 5/2007, Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung, www.neue-gespraeche.de. In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Rudolf Sanders
In: Pfarrbriefservice.de