„In der Welt habt ihr Angst“

Hilfreicher Umgang mit Ängsten

Wenn Sie sich einen Stern vorstellen, auf dem auf jedem Zacken eine Möglichkeit unserer ganzen Bandbreite an Gefühlen beschrieben wird, so steht die Angst als eine Möglichkeit des Fühlens neben Freude, Liebe, Scham, Wut und Trauer. Alle diese Gefühle sind von unserem Schöpfer so in uns angelegt und sind zunächst wertneutral. Doch in unserem Empfinden gibt es durchaus positive und negative Gefühle.

Angst in ihren ganz verschiedenen Formen und Ausprägungen, von ängstlich bis panikartig, erleben wir selten als positiv und hilfreich. Die Menschen, die darunter leiden, kommen in die Beratung mit der Hoffnung, diese bedrohlichen und für sie übermächtigen Gefühle nicht mehr empfinden zu müssen. Doch auch in der Passionsgeschichte wird von Jesus selbst berichtet, wie er im Garten Gethsemane unter enormen Ängsten gelitten hatte. In Johannes, Kapitel 16, Vers 33 wird uns von Jesus berichtet, wie er sagt: „In der Welt habt ihr Angst“ – das ist eine Realität, die nicht in Frage gestellt wird – aber er schickt auch gleich einen ermutigenden Satz hinterher: „aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Es ist eine Realität, dass wir immer wieder Angst haben werden, aber es ist auch real, dass wir einen Gott haben, der größer ist als die Angst.

Eine Frau in meiner Beratung sagte zu mir: „Ich glaube, ich sollte immer die Dinge tun, vor denen ich Angst habe, dann ginge es mir besser“. Und damit hat sie etwas ganz Wesentliches erkannt! Angst lässt sich nur in der Konfrontation besiegen, niemals in der Vermeidung.
Eine andere Frau, die eine Krebserkrankung bewältigt hatte, berichtete mir: „Dieses Erlebnis hat mich stärker gemacht, ich habe jetzt keine Angst mehr vor dem Tod.“ Sie ist durch ihre Ängste hindurchgegangen, und erlebte sich danach stärker als vorher, dadurch dass sie sie nicht vermieden hatte.

Strategien gegen die Angst

Doch wie sehen denn hilfreiche Strategien aus, um den Ängsten unseres Lebens zu begegnen? Lösungsmöglichkeiten um die Angst zu bewältigen, erschließen sich aus den Auslösern, die in die Angst führen können.

So ist der erste Schritt, sich mit der eigenen Angst auseinanderzusetzen, sie zuzulassen und sich dann ganz gezielt Informationen und Hilfe zu suchen. Reden Sie über Ihre Ängste und bleiben Sie damit nicht allein. Besorgen Sie sich Selbsthilfeliteratur. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker oder einer Person ihres Vertrauens.

Senken Sie Ihr allgemeines Anspannungsniveau. Das kann damit beginnen, die eigenen Einstellungen zu überprüfen. Oft haben Menschen mit Angstproblemen einen hohen Perfektionismus! Es ist anstrengend, wenn Sie alles 150-prozentig machen müssen! Leben Sie nach der 80% Regel – das entlastet! (80% Perfektion benötigen 50% Energie, die restlichen 20% Perfektion benötigen noch einmal 50% Energie! Wo würden also 80% Perfektion ausreichen?) Wo können Sie nein sagen lernen oder auch Dinge an andere delegieren – auch wenn sie es wahrscheinlich nicht genau so erledigen werden wie Sie? Entdecken Sie Ihre inneren Antreiber – müssen Sie so viel leisten, weil Sie sonst nicht liebenswert sind? Wollen Sie sich selbst etwas beweisen? Geistern noch alte Sätze aus Ihrer Kindheit in Ihrem Kopf herum?

Versuchen Sie Ihren Stress abzubauen durch das, was im Alltag an Entlastung möglich ist. Nehmen Sie sich eine Putzfrau, sagen Sie Termine ab, gönnen Sie es sich immer wieder, nur eine Sache gleichzeitig zu tun und zu denken. Achten Sie auf ausreichend Schlaf, Vorsicht bei Koffein, ernähren Sie sich gesund. Schalten Sie ihr Handy aus, gehen Sie raus in die Sonne – allein mit Gott und sich selbst, kein Multitasking, sondern Entschleunigung! Das Hören von Lobpreismusik, Lesen von Psalmen oder auch Ablenkung durch Gespräche mit Freunden und Familie beschreiben viele als hilfreich in der Angst.

Üben Sie die Erfahrung selbst etwas bewirken zu können, statt passives Opfer zu sein. Schließen Sie körperliche Ursachen durch einen Arztbesuch aus. Sie haben eine Verantwortung für Ihren Körper, und der zeigt Ihnen vielleicht durch eine Angststörung, dass Sie schon längst über Ihre Grenzen leben – und das ist nicht biblisch! Wenn Sie das Gefühl haben, es nicht alleine zu schaffen, dann scheuen Sie sich nicht, sich in einer Psychotherapie Hilfe zu holen. Ich durfte immer wieder erleben, dass Menschen dadurch neuen Lebensmut fanden, wieder Auto fuhren, arbeiten gingen und ihre Sozialkontakte pflegen konnten.

Die Angst vor der Angst

Eine große Not ist nach solchen Angsterfahrungen die „Angst vor der Angst“. Um dieser zu begegnen, helfen die verschiedenen Entspannungsübungen wie PM nach Jacobsen, Atementspannung etc., aber auch Medikamente wie Antidepressiva, Benzodiazepine oder pflanzliche beruhigende Medikamente. Bei ausgeprägten Ängsten oder starken körperlichen Symptomen können sie eine positive Wirkung zeigen und es Menschen überhaupt ermöglichen, sich mit den angstauslösenden Situationen zu konfrontieren. Oft wird die Verhaltenstherapie bei Ängsten gewählt, da sie durch Arbeit an der Einstellung, Angsthierarchien, Konfrontationsübungen etc. gute Ergebnisse zeigt.

„Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Ich möchte es gerne noch einmal wiederholen. Jesus sagt: in der Welt habt ihr Angst – das ist die Realität. Und er sagt weiter: aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Das ist auch Realität! Nicht, dass er uns aus der Welt nimmt, auch nicht psychisch gesehen, sondern dass er mit uns dabei ist. Dass er unsere Ängste kennt, dass er selbst Angst hatte, und dass er uns nicht dafür verurteilt. Im Gegenteil, als der liebende Gott, der sich mit einer tröstenden Mutter vergleicht, können wir bei ihm Trost und Hilfe finden, gerade auch in Situationen, die uns Angst machen. Das Ziel im Umgang mit der Angst, sei es mit Therapie und Medikamenten oder ohne, ist nicht nie mehr Angst zu haben, sondern selbstbestimmt mit ihr zu leben. Lernen mit Gottes Hilfe, die Angst im Griff zu haben, und nicht mehr von ihr bestimmt zu werden.

Sagen wir es zum Abschluss mit Erich Kästner:
„Wird‘s besser? Wird‘s schlimmer?“, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.

Die Autorin Nicola Berstecher ist Lebensberaterin in eigener Praxis sowie 1. Vorsitzende der Association of Christian Counsellors (ACC) Deutschland – Vereinigung christlicher Seelsorger und Berater e.V.

Quelle: Magazin „Gemeinschaft“ 2/2018; Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg – die Apis.

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Das Schwerpunktthema für Oktober 2021

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Text: Nicola Berstecher, Magazin „Gemeinschaft“ 2/2018; Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg – die Apis.
In: Pfarrbriefservice.de