„Der Vogelschorsch“

Eine Rezension von Markus Tomberg

Die Geschichte Lenas ist Jahrzehnte alt: Im Österreich der frühen 80er Jahre begegnete sie, damals 14 Jahre alt, dem Vogelschorsch. So sehr hat der sie beeindruckt, dass sie jetzt, lange später, seine Geschichte erzählen muss. 

Seinen Namen verdankt der Vogelschorsch seiner Liebe zu den Vögeln – und der umgangssprachlichen Variante seines Vornamens Georg. Merkwürdige Bezeichnungen findet er für die Vögel: Da ist der „Graf von Wurmmund“, eine Amsel, oder Herr Schwarzfeder. Rasch wird der zugezogene Junge mit dem merkwürdigen Verhalten zum Außenseiter. 

Lena, die zu ihm hält, lernt durch ihn fremde Orte kennen. Da ist der Paradiesgarten der Großmutter, zwei Stunden entfernt, die Lichtung im Wald, wo der Vogelschorsch viele Vogelhäuser aufhängt, aber auch das Zuhause vom Vogelschorsch mit einem unerträglichen Geheimnis: Der Vogelschorsch wird von seinem Vater misshandelt, seine Mutter ist verschwunden.

Keine leichte Situation für Lena. Denn da sind auch noch die anderen Freunde, allen voran der Lederer Lukas und der Mühltaler Max, die ihre besondere Freundschaft zum Vogelschorsch nun gar nicht gutheißen können. Da ist die erste Liebe. Und da sind ihre Eltern, deren Ehe kriselt. Als die beiden sich trennen, muss Lena mit der Mutter fort in die Stadt ziehen.

Noch viel schwieriger ist die Situation für den Vogelschorsch. Der geht auf seine Weise damit um. Für ihn ist klar: die Mutter ist immer noch da. Sie hat nur die Gestalt gewechselt. Als Kohlmeise ist sie bei ihm. Und auch sein Vater, der wenig später stirbt, wird für den Vogelschorsch zum Vogel verwandelt.

In der Stadt will der Vogelschorsch Lena besuchen, doch es kommt anders. Denn auch seine Oma stirbt. So bleibt für den Jungen, der die Vögel und den Wald, der die Natur so sehr liebt und der so anders ist als die anderen Jugendlichen, nur das Heim. Weil er Lenas neue Adresse kennt, taucht er plötzlich bei ihr auf. Er platzt mitten hinein in Liebesturbulenzen – bei den Eltern, aber auch bei ihr selbst – und sieht gar nicht gut aus. Das Heim ist kein Zuhause für ihn. Es ist das letzte Mal, das Lena ihn lebend sieht.

Denn dann verschwindet auch der Vogelschorsch. Er verlässt das Heim und die Stadt, und Lena ist es schließlich, die ihn findet: auf der Lichtung, bei seinen Vögeln. Und Lena ist sich sicher: Jetzt ist der Vogelschorsch auch einer von ihnen.

Hans Wirrlingers Roman ist eine intensive, berührende Geschichte einer besonderen, einer tragischen Freundschaft. Und es ist kein Zufall, dass er Lena aus dem Abstand von Jahrzehnten erzählen lässt. Denn die Geschichte vom Vogelschorsch ist ein wichtiger Teil ihrer Geschichte, und sie ist noch nicht zu Ende erzählt. Die Vögel erzählen ihr die Geschichte vom Vogelschorsch und ihre eigene Geschichte, eine wichtige Episode auf ihrem Weg zur Erwachsenen. Das Buch ist ein un-, ja außergewöhnlicher Coming-of-Age-Roman für Jugendliche – und auch ihre Eltern, die mit Lena jung waren.

Bibliografische Daten:
„Der Vogelschorsch“
Hannes Wirrlinger
Verlagshaus Jacoby & Stuart
Berlin 2019
304 Seiten, 14,2 x 21 cm, ab 14 Jahren
Hardcover
ISBN 978-3-96428-031-2
EUR 18,00 [D]

Markus Tomberg, In: Pfarrbriefservice.de

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Cover „Der Vogelschorsch"

Markus Tomberg

Markus Tomberg

Markus Tomberg

Jahrgang 68, ist seit 2012 Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda.

Verknüpft mit:
Neues Buch der Serie „Kinder- und Jugendbücher entdecken“

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Text: Markus Tomberg
In: Pfarrbriefservice.de