Berühren lassen

„Woher kommst du?“, frage ich im Deutschunterricht für geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer einen Mann. Mittleres Alter, Glatze, dunkelblauer Pullover. „Ich komme aus Charwik“, sagt er. „Und ich komme aus Kiew“, sagt ein junger Mann mit Undercut und bedrucktem Shirt, der ihm schräg gegenüber sitzt. 

Es ist einer dieser kleinen Momente, die mich anrühren. Die mich im tiefsten Inneren bewegen. Da sitzen Menschen vor mir, deren Heimat knapp 2000 km entfernt jetzt, jetzt gerade in diesem Moment zerbombt wird. Vor meinem inneren Auge sehe ich loderndes, orangenes Feuer. Pechschwarzen Rauch. Menschen, die ihr Fahrrad schieben, bepackt mit schweren Taschen am Lenkrad baumelnd. Diese Menschen, die hier im Deutschunterricht sitzen, haben ihr Haus, ihre Wohnung, ihr Zuhause, ihre Familie verlassen, verloren. Wenn sie zurückkommen, wird all das vielleicht nicht mehr sein. Werden ihre Häuser in Trümmern liegen, ihre Erinnerungen verbrannt sein. Ihre Söhne, Mütter, Onkel, Nachbarn, Freunde vielleicht tot. Ich schaue den älteren Mann an. Er ist Vater, erzählt er – Er könnte mein Vater sein. Ich schaue den jungen Mann an – Er könnte ein Freund von mir sein. 

Diese Menschen, es sind Menschen, wie ich es bin. Sehen aus, wie ich. Tragen die gleichen Jeans wie ich. Lachen, wie ich. Hatten bis vor kurzem einen Job. Ein geregeltes Einkommen. Eine Familie, Freunde. Ein zivilisiertes Leben. Sind Menschen, die in Ruhe ihr Leben leben möchten. In Frieden leben wollen. Die Träume, Wünsche, Hoffnungen haben. 

Ihre Freunde, Familienangehörige kämpfen vielleicht jetzt, jetzt gerade in diesem Moment als ukrainische Soldaten und Soldatinnen. Werden gequält, verwundet, sterben. Erleiden psychische Kriegstrauma, deren Bilder sich in ihr Gedächtnis einbrennen werden und sie ihr Leben lang verfolgen. Es könnten meine Bekannten sein. In diesen Tagen spreche ich mit Freunden von mir. Es sind junge Männer Mitte zwanzig. Ich frage sie, was sie tun würden in so einer Situation? „Es kommt drauf an“, sagt der eine. „Ich will darüber nicht sprechen. Ich will mir das nicht vorstellen“, der andere. „Ich würde für meine Freiheiten und Rechte, die ich in Deutschland gewohnt bin und zu schätzen gelernt habe auf die Straße gehen, um sie zu verteidigen“, sagt der dritte.

Bisher waren es Menschen auf Kriegsbildern, die ich im Fernsehen in den Nachrichten gesehen habe. Auf einmal sitzen diese Menschen vor mir. Haben ein Gesicht. Einen Namen. Eine Geschichte. Ein Leben. Sind mir so nah. 

Ich wollte das. Ich wollte, dass sich unsere Leben kreuzen, verbinden. Mein Leben und das Leben der Geflüchteten. Ich wollte diese Begegnungen. Es ist genau das, was in diesen Zeiten wichtig ist. Sich auf diese Menschen einzulassen. Ihre Geschichten, ihre Schicksale an sich heranlassen. Sich anrühren, berühren zu lassen. Sie in das eigene Leben hineinzulassen. Sich nicht abzugrenzen. Nicht abzustumpfen. Auch, wenn das, was sie erzählen, schwer, manchmal nicht zu ertragen ist. Weil es so sehr weh tut. Weil es nicht fassbar ist. Weil es bis ins Mark erschüttert. Die Sprache raubt. Den Glauben an die Gerechtigkeit, an die Menschheit verlieren lässt. Es ist wichtig, aus der Ohnmacht, dem Aushalten-Müssen, Zuschauen-Müssen, Nichts-Tun-Können, der Resignation herauszukommen. Das Sich-Berühren-Lassen in Kraft zu verwandeln. Kraft, um aktiv zu werden. Etwas zu tun. Mitzuhelfen. Für diese Menschen da zu sein. Ihnen Halt zu geben. Stabilität. Sicherheit. Zuflucht. Es ist wichtig, alles dafür zu tun, dass diese Welt eine Welt ohne Gewalt, ohne Unterdrückung, ohne Verrohung, ohne Krieg wird. Es ist wichtig, die Menschlichkeit hochzuhalten, die Menschenwürde, die Liebe und den Frieden. Damit wir uns Mensch nennen dürfen. 

Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Ronja Goj
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