Aufgehört
Ich habe aufgehört. Aufgehört auf meinem Smartphone Nachrichten zu lesen, während ich meinen metallenen, gitternen Wagen durch den Einkaufsladen schiebe. In Fachbüchern zu lesen, während ich in der Früh meinen Porridge mit gefrorenen Blaubeeren löffle. Private Mails im maigrünen Postfach zu checken, während ich Mittagspause habe. Im Kopf Probleme zu lösen, während ich an der Ampel warte, bis sie von Kirschrot auf Signalgrün springt. Schnell zwischen zwei Terminen meine frischduftende Wäsche aus der Waschmaschine zu hieven, um sie aufzuhängen. Das gespülte Geschirr mit den schwarz-weißen Ornamenten aus der Spülmaschine zu räumen, während ich meine Zähne putze.
Ich habe aufgehört. Jede freie Minute auszuschöpfen, zu nutzen, zu verwerten. Weil es ungesund ist. Weil es stresst. Weil es die Luft nimmt. Weil es den Tag zu einem endlos langen Satz macht, ohne ein Komma, ohne einen Punkt. Zu einem Lied, das kein Leise, kein Laut kennt. Zu einer Suppe, in der alles verschwimmt. Zu einem Gericht, dem das Gewürz fehlt.
Ich lebe sie bewusst. Diese kleinen Unterbrechungen, diese Pausen, die mir der Tag schenkt. Im Supermarkt. Wenn ich an der Käsetheke stehe und darauf warte bedient zu werden. Beim Frühstück. Wenn ich die Blaubeeren auf meiner Zunge schmelzen lasse, mich in den Sommer träume. An der Ampel. Wenn ich meine Gedanken vorbeiziehen lasse, wie die Autos, die an mir vorbeirauschen. Beim Zähneputzen. Wenn ich vier Minuten vor mich hinstarre, ohne an etwas zu denken.
Es sind Momente der Ruhe, der Erholung. Des Anhaltens, des Innehaltens. Des Loslassens, des Entspannens. Momente, die echte, kindliche Langeweile schenken. Die Betonungen, Akzente setzen. Die den Alltag würzen, genussvoll machen.
Es sind Momente des Atmens.
Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de
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