Auf dem „Friedhof der guten Ideen“
Begraben. Ende. Aus. – Oder vielleicht doch nicht?
Während einer Radtour am vergangenen Wochenende entdeckte ich plötzlich Grabsteine am Wegesrand. Da standen rund 30 schwarze Basaltsteine auf einer Wiese am Rande einer großen Parkanlage, in direkter Nachbarschaft zu Klettergarten und Picknickplatz. Ich hielt an und staunte. Auf den Steinen standen keine Namen, sondern Sätze:
„Die Mona Lisa von hinten malen.“
„Überdachte Radwege für Pendler bauen.“
„Ein Altersheim mitten im Leben gründen.“
„Ich gehe zurück nach Yenice Köy und baue mir ein Haus aus Lehm.“
„Unser ganzes Geld für ein Ferienhaus an der Ostsee auf den Kopf hauen.“
Ich war zufällig auf dem „Friedhof der guten Ideen“ gelandet. Der Künstler Mark Wehrmann hat ihn 2013 für die Internationale Gartenschau in Hamburg angelegt. Damals hat er Menschen nach guten Ideen gefragt, die sie niemals verwirklicht haben. Wenn die Menschen mit ihrer Idee wirklich abgeschlossen hatten, wurden sie für dieses Kunstprojekt in Stein gemeißelt. Seitdem stehen sie da: Begraben. Ende. Aus. Vorbei. Für immer. Und sichtbar für alle.
Ich fand es interessant, diese begrabenen Ideen zu lesen. Für mich fühlte es sich gar nicht schwer oder enttäuscht an. Vielmehr habe ich es so empfunden, dass auch eine Ruhe einkehren kann, wenn man sich von einer Idee oder einem Traum verabschiedet: Es gibt kein Hinterherrennen und kein bedauerndes „Ich-wollte-doch-eigentlich“ mehr. Mehr noch: Durch das Sichtbarmachen dieser ganz persönlichen Gedanken werden Ideen auch freigegeben. Vielleicht finden sich andere Menschen, die sie lesen und umsetzen?
Seit dieser Entdeckung denke ich darüber nach, welche guten Ideen oder vermeintlich verrückten Träume ich schon hatte, aber aufgegeben habe. Und es ist ein spannendes Gesprächsthema. Ich habe schon bei Nachbarinnen und im Kollegenkreis nachgefragt und bin ganz verblüfft von der Fülle, der Lebenslust und Kreativität, die sich darin offenbaren:
„Ein Buch über meine Familie schreiben.“
„Einen Hühnerstall bauen.“
„Längere Zeit auf Kreta arbeiten.“
„Einen Bier-Bike-Verleih auf Mallorca aufmachen (der Businessplan war sogar schon fertig.)“
„Selber Hörbücher aufnehmen.“
„Einen Instagram-Kanal mit täglichen Haikus füllen.“
„Eisverkäuferin mit eigenem Eiswagen werden (Streusel kosten bei mir NICHT extra).“
Sonn- und Feiertage bieten viel Raum, auch mal Alltagsgedanken beiseite zu schieben und Platz für gute Ideen zu machen. Ich glaube, dass es sich lohnt, ihnen nachzugehen und dass sie uns mit unseren Wünschen und Sehnsüchten in Kontakt bringen können. Und vielleicht ist es ja auch gar nicht so ganz unmöglich, mit der Umsetzung der einen oder anderen guten Idee anzufangen. Ich für meinen Teil werde nun endlich die Planung für ein Büchertauschregal an meiner Straßenecke in die Hand nehmen!
Kirsten Westhuis
aus: die andere zeit 20/2026, Andere Zeiten-Newsletter, www.anderezeiten.de, In: Pfarrbriefservice.de
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