Sexueller Missbrauch in der eigenen Pfarrei – Dieses Thema im Pfarrbrief aufgreifen

Wie ein Wortgottesdienst in der unterfränkischen Pfarreiengemeinschaft Dürrbachtal Pfarrbriefredaktionen inspirieren kann

von Ronja Goj am 04.06.2024 - 06:00  

Peter Weidemann

Das Thema „Sexueller Missbrauch" in der eigenen Gemeinde beleuchten.

Sexueller Missbrauch: Passierte oder passiert er in der eigenen Pfarrei? Was macht er mit den Betroffenen? Wurde all das je aufgearbeitet? Ursula Bühler-Hornung und Michael Stolz halten seit vielen Jahren gemeinsam Wortgottesdienste in der Pfarreiengemeinschaft Dürrbachtal bei Würzburg. Darin haben sie das Thema auf ihre eigene Pfarreiengemeinschaft heruntergebrochen. Ihre Herangehensweise, ihre thematische Schwerpunktsetzung, ihre Ideen lassen sich auf den Pfarrbrief übertragen. Lassen eine Brücke schlagen. Können eine wertvolle Inspiration für Pfarrbriefredaktionen sein. Ein Interview mit den beiden über Verantwortung für die Gegenwart, ihr eigenes Ringen mit dem Thema und was sie Pfarrbriefredaktionen empfehlen würden.

„Sexueller Missbrauch“ ist ein schwieriges, ein komplexes Thema. Warum war es euch wichtig es aufzugreifen?

Michael Stolz: Wenn das ein allgemeines Thema ist, das in der Öffentlichkeit immer wieder zur Sprache kommt, muss es auch dort zur Sprache kommen, wo es geschehen ist. Wir können in der Kirche die Augen zu machen und das ausblenden. Das ist nicht angemessen. Wir müssen das Problem, das da ist, sehen und im Bereich der Kirche ansprechen. Das finde ich gehört sich so.

Ursula Bühler-Hornung: Bei mir ist es aus Betroffenheit vieler Patienten, Bekannten, Freundinnen, die ich kenne. Deswegen dachte ich: Jetzt wird es Zeit!

„Sexueller Missbrauch“ scheint oft weit weg. Scheint in anderen Bistümern zu geschehen, in anderen pastoralen Räumen, in anderen Pfarreiengemeinschaften. Nicht in der eigenen Pfarrei, in der eigenen Kirche. Ihr habt das Thema „Sexueller Missbrauch“ auf die eigene Pfarreiengemeinschaft heruntergebrochen. Es in eurer Pfarreiengemeinschaft thematisiert. Es aufgearbeitet.

Ursula Bühler-Hornung: Ich habe mich total dagegen gewehrt. Du Michael wolltest das Thema gerne aufgreifen, weil es in unserer Gemeinde noch nicht richtig aufgegriffen wurde. Das fand ich wichtig und das hat mich motiviert. Ich war bereit mich damit auseinander zu setzen.

Michael Stolz: Der Pfarrer meinte, er hätte das Thema schon aufgegriffen, es mehrmals in Predigten behandelt und im Pfarrbrief sei einmal eine Bemerkung von ihm gewesen.

Ursula Bühler-Hornung: Wir haben bei den Leuten herumgefragt.

Michael Stolz: Aber, das ist den Gemeindemitgliedern nicht bewusst gewesen.

Ursula Bühler-Hornung: Vielleicht wurde das viel allgemeiner gehandhabt. Nach dem Motto: Betrifft keinen von uns, aber wir müssen es behandeln. Das Gegenteil haben wir gemacht. Ich schätze, dass es deswegen viel stärker bei den Leuten angekommen ist.

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Wie das Thema aufbereiten?

Wie seid ihr an das Thema herangegangen? Wie habt ihr es aufbereitet?

Ursula Bühler-Hornung: Wir haben lange überlegt, was uns wichtig ist. Was wir herüberbringen wollen. Was wir machen könnten. Wir wollten auf keinen Fall nur anklagen. Uns ging es um die Weiterentwicklung.

Michael Stolz: Ich habe mehrere Artikel aus der Zeitung für die Predigt verwendet. Zum Beispiel aus der SZ. Da war die Meinung der Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München abgedruckt. Es ging darum, warum es so wichtig sei, Untaten zu erinnern. Da hieß es, weil wir alle Verantwortung für die Gegenwart hätten. Das war für mich ein ganz wichtiger Punkt, um die Gegenwart zu verändern!

Ursula Bühler-Hornung: Diese Artikel haben unsere Gedanken gestützt. Die haben das auf den Punkt gebracht. Das war eine Erklärung, warum es uns so wichtig ist, dass wir die Verantwortung für die Gegenwart haben. Wie können wir diese Verantwortung aufnehmen? Wie können wir diese Verantwortung leben? Ein Beispiel dafür war der Gottesdienst. Wir teilen uns die Predigt immer. Ich wusste lange nicht, wie ich mich einbringen kann. Einmal bin ich nachts aufgewacht und mir ist alles eingefallen. Gott sei Dank habe ich alles aufgeschrieben. Am nächsten Tag habe ich gedacht, dass ich das auf keinen Fall so bringen kann. Ich habe es zwei engen Vertrauten gezeigt und die haben gesagt, dass ich das so machen soll und du fandst es auch gut Michael. Das war eine Mutprobe für mich.

Michael Stolz: Ja, es waren sehr harte Formulierungen dabei.

Ursula Bühler-Hornung: Genau die sind für manche Gottesdienstbesucher wichtig gewesen. Das habe ich gemerkt, deswegen habe ich sie auch verteidigt.

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Ursula Bühler-Hornung und Michael Stolz brechen mit der Polarisierung, mit der Einteilung in Gut und Böse.

Eine Gottesdienstgestaltung unterscheidet sich von einer Pfarrbriefgestaltung. Und doch gibt es Parallelen bei der thematischen Umsetzung. Was würdet ihr Pfarrbriefredaktionen empfehlen?

Michael Stolz: Wenn es geht, würde ich empfehlen die Polarisierung ein bisschen zu vermeiden.

Aber es gibt Täter und Opfer.

Ursula Bühler-Hornung: Ich habe im Gottesdienst eingebracht, dass die Täter laut Studienlage zu einem sehr hohen Prozentsatz auch einmal Opfer waren. Das relativiert dieses Gut und Böse. Die Ideologie, die in meinen Augen Quatsch ist. Denn, es geht um Verständnis und um alles, was heilend wirkt.

Michael Stolz: Wir haben bei unserem Gottesdienst zum Beispiel am Anfang pointiert gesagt: „Wir sind die Guten. Wir machen immer alles richtig. Die anderen sind die Bösen. Die treiben ihr böses Unwesen.“ Später haben wir das konkretisiert, denn die „Guten“ haben die „Bösen“ durch ihr Verhalten bislang bekräftigt und nicht eingegrenzt.

Aber ein normales Gemeindemitglied würde nie einen Menschen, der andere missbraucht in seinen Taten unterstützen.

Michael Stolz: Ich habe von einem Beispiel aus meinem Erziehungsalltag erzählt. Wir haben damals zum Beispiel einen körperlichen Übergriff, eine Ohrfeige von einem Pfarrer, kommentarlos geschluckt. Nach dem Motto: ´Na, unser Sohn wird schon irgendetwas dazu beigetragen haben.´ Das heißt: Man hat diese geweihten Häupter mit mehr Ausnahmen versehen. Man hat das hingenommen. Das hat dazu beigetragen, dass sich ein solches selbstherrliches und menschenverachtendes Verhalten bei einer bestimmten Personenschicht des geweihten Standes ausbreiten konnte.

Ursula Bühler-Hornung: Das ist diese eine Richtung, die Gläubige oder Kirchenzugehörigen vorgeben. Die Hierarchie kann nur leben, wenn der eine oben ist und die anderen unten bleiben und die Kompetenz abgeben.

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Wie Artikel im Pfarrbrief zu diesem Thema verfassen? Empfehlungen von Michael Stolz und Ursula Bühler-Hornung.

Ihr habt die Menschen, die in eurem Gottesdienst waren, frontal mit dem Thema konfrontiert. Das kann gefährlich sein. Denn keiner weiß, kann abschätzen, was das bei den Betroffenen auslöst, was es mit ihnen macht.

Ursula Bühler-Hornung: Meistens sind Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch zu einem hohen Prozentsatz verdrängt. Zum Glück. Sachen vermeiden, verdrängen – diese Abwehrmechanismen sind ganz wichtige Schutzmechanismen unserer Seele. An denen will ich nicht ruckeln, sondern ich will da, wo es reif ist, dass Menschen etwas hören können.

Michael Stolz: Wir hatten auch den statistischen Gedanken, dass unter uns welche sein könnten, die davon betroffen sind. Da haben wir versucht etwas heilend darauf einzuwirken.

Wie?

Ursula Bühler-Hornung: Wir sind im Gottesdienst mit den Leuten in Kontakt gegangen. Ich habe gleich am Anfang gesagt: ´Ich werde etwas sagen, dass Sie erfreuen wird oder dass Sie total schlimm finden können.´ Ich habe vorweggenommen, dass jetzt etwas kommt, das polarisieren kann, damit die Gottesdienstbesucher vorbereitet sind. Während unserer Predigt haben wir mehrmals mitgeteilt, dass wir nach dem Gottesdienst da sind und die Menschen zum Gespräch kommen können, denn das ist der Sinn von Gemeinde! Darum haben wir es angeboten. Mit Tischen und Getränken.

Das ist im Pfarrbrief nicht möglich.

Ursula Bühler-Hornung: Sie müssen es schaffen eine Vertrauensverbindung herzustellen. Das muss persönlich sein. Sprechen Sie die Menschen in Ihrem Pfarrbriefartikel an. Schreiben Sie zum Beispiel: ´Wie geht es Ihnen, wenn Sie das lesen? Schreiben Sie mir oder schreiben Sie dem oder melden Sie sich dort.´ So könnte ich es mir vorstellen.

Aber, was ist der Inhalt der Artikel?

Ursula Bühler-Hornung: Menschen, die betroffen sind und sich damit befassen, kommen in eine Krise. Das ist logisch. Aber Krisen sind heilsam. Das können Pfarrbriefredaktionen in einem Pfarrbriefartikel thematisieren und beschreiben.

Wovon würdet ihr abraten?

Ursula Bühler-Hornung: Ich hätte Bedenken im Pfarrbrief eine Selbstbefragung zu machen und zu fragen: Was ist in meiner Tiefe? Brodelt da etwas, wenn ich von dem Thema höre? Gibt es da eine Stimme, die ich bis jetzt überhört habe? Das ist heikel, wenn da kein Boden ist, der das auffangen kann!

Bei diesem Thema ist es essentiell die Leserinnen und Leser psychisch aufzufangen. Ist das im Pfarrbrief überhaupt möglich?

Ursula Bühler-Hornung: Zum Auffangen würde ich direkt neben den Artikel schreiben welche Anlaufstellen es in Ihrem Umkreis gibt. Das würde ich unbedingt machen! Ich habe im Nachhinein des Gottesdienstes zum Beispiel Sachen von „Wildwasser“ gesammelt.

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Das könnte anderen helfen – Tipps von Ursula Bühler-Hornung und Michael Stolz.

Was würdet ihr Pfarrbriefredaktionen empfehlen, wenn ihr auf die Erfahrungen blickt, die ihr mit dem Gottesdienst gemacht habt?

1. Tipp – Ursula Bühler-Hornung: Verschaffen Sie sich Rückhalt. Ich habe mit Leuten darüber gesprochen, denen ich vertraue. Anders ging es nicht. Aber genau das schafft Verbindungen und Heilung.

2.    Tipp – Michael Stolz: Machen Sie im Pfarrbrief, der vor der Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Sexueller Missbrauch“ veröffentlicht wird, auf das Thema aufmerksam. Sie können am Anfang schreiben, dass Sie das Thema bringen wollen. Vielleicht findet sich noch jemand, der sich dazu bereit erklärt mit dem Redaktionsteam zusammenzuarbeiten. So können Sie sich im Vorfeld Verstärkung holen.  

3.    Tipp – Ursula Bühler-Hornung: Ich glaube, wenn sich jemand nicht traut das Thema zu behandeln, hat er oder sie etwas mit dem Thema zu tun. Aus welchem Grund auch immer. Vielleicht haben diese Menschen Angst vor etwas. Vielleicht haben sie Angst vor dem Pfarrer. Oder sie sind innerlich betroffen. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich kann die Empfehlung geben: Reden Sie darüber! Setzen Sie sich mit dem Thema auseinander. Egal, wohin es führt, es ist immer heilsam.

4.    Tipp – Ursula Bühler-Hornung: Am besten wäre es natürlich, sich an jemanden zu wenden, wenn Sie sich nicht selber trauen. Sie können sich auch gerne an uns wenden. Sie erreichen uns via Mail unter: m_stolz@web.de oder u.buehler-hornung@arcor.de.

Peter Weidemann

Wie wichtig es ist, das Thema aufzuarbeiten, zeigen die positiven Rückmeldung der Gottesdienstbesucherinnen- und besucher in der Pfarreiengemeinschaft Dürrbachtal.

Die Rückmeldungen, die euch die Besucher nach dem Gottesdienst gegeben haben, waren überwiegend positiv. Es hat euch bestärkt, dass es richtig war, „Sexuellen Missbrauch in der eigenen Pfarrei“ zu thematisieren. Das kann eine Ermutigung für Pfarrbriefredaktionen sein.

Ursula Bühler-Hornung: Ich habe an den Reaktionen gemerkt, dass manche Frauen richtig betroffen und aus der Tiefe erleichtert waren. Ich habe mir gedacht, dass da eine persönliche Betroffenheit vorhanden sein muss. Und die Statistik ist ja eindeutig. Einmal war eine Freundin von mir im Gottesdienst, die bei den Oberzeller Schwestern im Mädchenheim als Psychologin arbeitet. Sie hat aus ihrer Sicht bestätigt, dass sie den Gottesdienst, so wie wir ihn gemacht haben, total super fand. Und sie arbeitet tagtäglich mit Menschen, die betroffen sind. Eine andere Gottesdienstbesucherin war total erleichtert und hat ausgedrückt, dass sie sehr dankbar ist, dass endlich jemand so klar und deutlich zu diesem Thema in unserer Pfarreiengemeinschaft spricht. Im gleichen Gottesdienst war aber auch ein Mann und der war entsetzt.

Michael Stolz: Der Mann war die einzige Ausnahme. Keiner hat gesagt, dass wir den Käse lassen sollen, weil sie ihn so oft gehört haben und nicht mehr hören wollen. Das fand ich sehr gut.  

Ursula Bühler-Hornung: Eine Frau hat mir nach dem Gottesdienst gesagt: ´Was ihr macht, das ist Heilung für die Kirche.´ Das hat mich umgehauen. Das hat mich echt gerührt. Mir war bis dahin nicht klar, dass es mir um die Heilung der Kirche geht. Aber natürlich, es geht mir um die Heilung in den Menschen und die Menschen sind die Kirche. Sobald etwas in die Sprache kommt, ausgesprochen wird und ins Bewusstsein kommt, kann etwas heilen.

Sich mich „Sexuellem Missbrauch“ auseinanderzusetzen, kann für einen selbst erschütternd sein, aufwühlend, bewegend. Was hat es mit euch gemacht? Ist es euch persönlich schwer gefallen? Auf was müssen sich Pfarrbriefmacherinnen- und macher einstellen?

Michael Stolz: Bei mir war es mehr ein sachlich interessierter Blick von außen, den ich darauf geworfen habe. Da bist du Ursula viel persönlicher angesprochen gewesen und hast das Ganze mit inneren Kämpfen durchgestanden.

Ursula Bühler-Hornung: Klar, ich habe den ganzen Sommer damit gekämpft, aber das war sehr fruchtbar und wertvoll.

Ronja Goj, In: Pfarrbriefservice.de

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