Bildschirm und Maus statt Kanzel und Beichtstuhl?

Moderne Frau

© Peter Weidemann

Passen Seelsorge und Internet zusammen? Treffen sich da nicht zwei gegensätzliche Welten, die nicht zueinander passen? Die Frage erübrigt sich, denn wer zum Beispiel bei http://www.google.de/ das Stichwort „Internetseelsorge“ eingibt erhält etwa 64.400 Treffer (Abruf am 17.6.2013) von der Suchmaschine zurück. Wähle ich als Suchbegriff „Seelsorge“ kann ich mich durch 2.230.000 (Abruf am 17.6.2013) verschiedene Suchergebnisse klicken. Es gibt sie also schon längst: Seelsorge im Internet. Beratungsangebote, Bildungshäuser, theologische Artikel, Pfarrgemeinden und Diözesen finden sich, mehr oder weniger gelungen präsentiert, bereits im weltweiten Datennetz. Die Entwicklung des Internets ist unumkehrbar. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist inzwischen online und es werden täglich mehr. An der Berufsgruppe der Pastoralreferenten der Diözese Würzburg konnte ich dies lebendig mitverfolgen. Hatten vor fünf Jahren weniger als die Hälfte eine E-Mail-Adresse, so sind es heute 85 Prozent der Kolleginnen und Kollegen.

Viel besser ist die Frage zu stellen: Welche Chancen bietet das Internet den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, Pfarrgemeinden und kirchlichen Einrichtungen? Da sage ich: Viele! Lassen Sie uns genauer hinschauen:

Bitte eintreten!

Chance Nummer Eins beim Internet ist der unkomplizierte Zugang. Anonym, zu jeder Zeit und mit wenig Kosten kann ich mich über ein Angebot informieren, Nachfragen senden, meine Meinung zu einem Thema in ein Forum eingeben, eine Bestellung machen, Materialien abrufen und mit anderen in Kontakt kommen.

In einer Zeit wachsender Individualisierung erscheint gerade die Anonymität ein Vorzug dieses inzwischen ja nicht mehr neuen Mediums Internet zu sein. Ich muss meine Identität nicht preisgeben, nicht einmal meinen Namen nennen um mir einmal anzusehen, was das Bildungswerk an neuen Themen anbietet, wann in meiner Gemeinde Gottesdienst ist oder welchen Lebenslauf der Seelsorger am Ort hat. Der Anbieter kann so beim Besucher Neugierde wecken und die Lust auf mehr, auch persönlichen Kontakt, wecken.

Frischhaltedatum garantiert Qualität

Qualitätskriterium Nummer Eins ist bei allen Aktivitäten im weltweiten Netz die Aktualität. Der Kalender mit den bereits seit Wochen gelaufenen Terminen oder die Rubrik „Aktuell“ mit dem Schnee von vorgestern sind dem Internetuser ein Dorn im Auge. Er wird so schnell – wenn überhaupt – nicht wiederkommen. Aktuelle Termine, Kontaktadressen, Telefonnummern und Serviceangebote signalisieren dagegen Professionalität. Das Erscheinungsbild der Homepage wird oft auch auf das reale Erscheinungsbild der Einrichtung oder Pfarrei übertragen.

Verpackung allein genügt nicht

Dabei soll bei der Gestaltung einer Homepage nicht das im Vordergrund stehen, was heute technisch machbar ist. Lange grafische Animationen im Eingangsbereich benötigen längere Ladezeiten und oft auch technisch aufwändige Zusatztools. Gar mancher Besucher verlässt beim Aufruf zusätzlicher Downloads jedoch sehr schnell wieder die Seite ohne einzutreten. Im Vordergrund des Seitenaufbaus sollten die Fragen stehen: Für wen machen wir unsere Seiten? Was wollen wir anbieten? Welchen Nutzen haben die Besucherinnen und Besucher davon? Welche Kommunikationsmöglichkeiten möchten wir anbieten? Je mehr es gelingt die Interessen der potentiellen Nutzer in ein Konzept zu bringen, desto größer die Chance, dass Leute immer wieder einmal auf die Seiten gehen. Auch hier trifft wieder der schöne Spruch vom Fisch und dem Angler zu: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Übersetzt: Die Homepage muss in den Augen der Surfer nützlich sein und nicht der bunten Selbstdarstellung der Pfarrei dienen.

www.rumpelstilzchen.de

Ein wichtiger Punkt, damit der Fisch fündig wird, ist der Name der Homepage. Nur der exakte Name erlaubt den Zugriff. Der Name als Eintrittskarte sollte deshalb leicht zu merken und zu schreiben sein. Heute im Meer der Internetadressen noch eine wohlklingende und freie zu finden, ist schon ein größeres Kunststück. Unter http://www.denic.de/de/domains/whois-service/web-whois.html kann für die TLD (Top-Level-Domain) .de die gewünschte Adresse geprüft und nach Alternativen gesucht werden. Ist sie gefunden, kann sie für eine Veranstaltung oder ein Unternehmen auf Aufklebern, in Zeitungen, der Visitenkarte, dem Briefpapier und auf einem Fahrzeug werben.

Seelsorge als Dienstleistung

Die Geschichte vom Wurm an der Angel macht deutlich, dass Kommunikation nie Selbstzweck ist. Kommunikation gelingt, wenn ich die Menschen und ihre Bedürfnisse und Fragen im Blick habe und dementsprechend mein Angebot ausrichte. Seelsorge als Dienstleistung zu begreifen ist das Gebot der Stunde.

Ich verstehe den Begriff im Horizont der Kirche als ursprünglichen Dienst im Sinne Jesu: Dienst an den Menschen. Hilfe zum Leben und Zusammenleben. Die Botschaft so weitersagen, dass die Menschen zu ahnen beginnen, dass diese Botschaft ihr Leben verändert und bereichert.

Und ich bin überzeugt, dass viele Menschen heute auf der Suche sind nach dem tieferen Sinn ihres Lebens, nach Orientierung und Wertmaßstäben für ihr Handeln sowie nach Anknüpfungspunkten zu Gemeinschaftserlebnissen. Hier bietet das Internet durch seinen unkomplizierten und anonymen Zugang neue Chancen der Kommunikation für alle Altersgruppen. Einige praktische Beispiele zeige ich dazu auf.

www.unsere-pfarrei.de

In einer mobilen Gesellschaft wie der unsrigen ist der Kontakt mit der Kirchengemeinde am Ort nicht mehr selbstverständlich. Wie heißt unser Seelsorger? Wann ist Gottesdienst? Gibt es hier einen Kirchenchor? Was ist das Besondere meiner Pfarrei? Solche und andere Fragen kann die Pfarreihomepage beantworten. Namen und Einrichtungen sowie Gruppen vorstellen und Kontaktadressen nennen kann der erste Brückenschlag zum interessierten Besucher sein. In einer visuell geprägten Gesellschaft kommen Fotos der betreffenden Personen und Gruppen gut an. Ganz wichtig ist die Möglichkeit an die Seelsorger und andere genannten Personen ein persönlich adressiertes Mail zu schreiben. Diese genannten Daten lassen sich ähnlich wie bei einem Prospekt für Neuzugezogene, das ihnen bei einem Besuch überreicht wird, einmal einpflegen und von Zeit zu Zeit aktualisieren. So kann die Standardversion einer pfarreilichen Homepage aussehen, die sich auch für den Verantwortlichen für diese Seiten als relativ pflegeleicht erweist.

Erweitern lässt sich das Angebot mit aktuellen Einladungen zu besonderen Veranstaltungen, Informationen und Artikeln zu Vorhaben rund um das Gemeindeleben. Damit jedoch kommt der Verantwortliche in die Verpflichtung des Frischhaltedatums. Vergangene Veranstaltungshinweise müssen gelöscht und neue ständig eingepflegt werden, wenn die Seiten als aktuell gelten sollen. Sonst gleicht im Zweifelsfall der Internetauftritt einem Schaukasten, in dem das Plakat vom letzten Fasching noch kurz vor Ostern vor sich hin gilbt. Moderne Redaktionssysteme, die in manchen Diözesen verwendet werden, übernehmen diese Funktion selbstständig und entlasten von der Pflicht dauernd dran zu bleiben. Mit dieser Software lassen sich Nachrichten und Veranstaltungshinweise einpflegen, zu einem bestimmten Datum veröffentlichen und nach der Durchführung selbsttätig löschen.

Sehr kundenfreundlich, wenn ich das so formulieren darf, machen sich auf der pfarreilichen Seite Hinweise für verschiedene Anlässe: Wie ist der Weg für die Taufe meines Kindes? Was ist bei der Planung einer kirchlichen Trauung zu beachten? Wie wird in der Pfarrei auf die Erstkommunion und Firmung vorbereitet? Mein Vater liegt im Sterben? Wie verhalte ich mich?

Um das letzte Beispiel aufzugreifen: Gerade für den Trauerfall sind die Beerdigungsinstitute mit einer umfassenden Homepage online. Besuchen Sie doch einmal http://www.bestattungsinstitut.de/ und klicken sich durch die verschiedenen Themen. Da wird Dienstleistung im Internet groß geschrieben ohne technische Raffinessen.

Letztlich geht es immer um den wohlwollenden Blick für die Situation der Menschen. Wenn heute über 85 Prozent der Katholiken keinen regelmäßigen Kontakt mehr zur Pfarrei pflegen, kann Vieles nicht mehr als bekannt vorausgesetzt werden. In einer mobilen Gesellschaft, in der die Paare alleine ohne Eltern und Großeltern in einer Stadt leben fällt die Rückfragemöglichkeit an die Generation mit religiösem Traditionswissen weg. Hier kann das Internet elegant die ersten Fragen beantworten, die Schwellenangst nehmen und einen direkten Kontakt zum Pfarrbüro und den Seelsorgerinnen und Seelsorgern anbahnen.

www.kummernetz.de

Die im Internet existierende gleichnamige Homepage http://www.kummernetz.de/ ist eine gelungene Umsetzung dessen, was Internetseelsorge heute im besonderen Wortsinn bedeuten kann. Hier können alle Höhen und Tiefen des Lebens beschrieben, kommentiert und besprochen werden. Ein differenziertes Angebot für die verschiedenen Altersgruppen gibt hier allen Fragen und Erfahrungen Raum. Die Seite lebt von der Kommunikation der Besucherinnen und Besucher untereinander, aber ebenso auch von qualifizierter Betreuung durch ein Team von Beraterinnen und Beratern. Außerdem bietet sie Selbsthilfe durch Informationsseiten, Links und Impulse. Wer sich einmal die Zeit für einen Besuch nimmt und in den Beiträgen liest, der erwischt dabei das pralle Leben in all seinen verschiedenen Schattierungen und Farbtönen. Hierher kommen Menschen, weil sie eine Frage haben und nach einer Antwort suchen. Hier engagieren sich auch Seelsorgerinnen und Seelsorger ohne nach Konfession und Überzeugung des Ratsuchenden zu fragen. Hier liegt die besondere Chance, dass es auf diesen Seiten um die Menschen und ihre jeweilige Lebensgeschichte geht. Negative Einstellungen und Vorurteile zur Institution Kirche kommen durch die offene Art des Angebotes nicht zum Tragen ohne dass hier Etikettenschwindel betrieben wird. Kummernetz zeigt auch, dass die Optik nicht den Besucherstrom lenkt, sondern das Angebot und der Nutzen für die Besucherinnen und Besucher im Vordergrund steht.

Dem Anliegen der Hilfe zum Leben dienen ebenso die verschiedenen Angebote der diözesanen Internetseelsorge. Auf den Bistumsseiten sind sie unter diesem Stichwort zu finden. Die Mitglieder, vom Bistum dazu beauftragt, bieten Beratung per E-Mail an. Eine Seite stellt die Personen und ihre Themenschwerpunkte vor, sodass eine Auswahl möglich ist, wem ich mein Problem anvertraue. Die Seite http://www.seelsorge.bistum-wuerzburg.de/ antwortet auf die Frage „An wen wendet sich unser Angebot?“:

„Das Seelsorge-Angebot richtet sich an alle, die in oder mit ihrem Leben oder ihrem Glauben Schwierigkeiten oder Probleme haben, und die sich darüber mit jemandem austauschen möchten. Sie dürfen über sich selbst und Ihr Leben schreiben, über tiefe, verborgene Gefühle. Sie dürfen Angst haben und diese Angst mit uns teilen. Sie haben die Möglichkeit, über Beziehungen zu Menschen zu reden, die Ihnen wichtig sind, über das, was Sie freut und worunter Sie leiden. Themen können sein Beziehungsprobleme, Partnersuche oder Trennung, Tod und Trauer, Einsamkeit, Ängste, körperliche oder psychische Krankheiten, Sucht, das Gefühl, nicht mehr leben zu wollen. Aber auch, wenn Sie mit der Kirche Schwierigkeiten haben oder mit dem Glauben und seiner Umsetzung ins Leben nicht klar kommen, sind Sie hier richtig. Nicht an die Seelsorgerinnen und Seelsorger wenden sollte sich, wer Wissensfragen über die Kirche oder den Glauben im Allgemeinen hat.“

www.kollegialer-austausch.de

Stehen die beiden bislang beschriebenen Beispiele mehr für den Außenkontakt, so erwähne ich ebenso gerne den Nutzen des Internets für den internen Gebrauch unter Berufskolleginnen und -kollegen:

All das vereinfacht die tägliche Arbeit und die Kommunikation untereinander spürbar. Durch die kürzer gewordenen Wege der Kommunikation und die Senkung der Kosten zieht das Internet immer weitere Kreise. Viel Knowhow und Material, das früher gedruckt worden wäre, wird nun im Internet veröffentlicht. Unter www.pfarrbriefservice.de finden Pfarrbriefleute beispielsweise Tipps, Material und Beratung rund um dieses Basismedium. Ein Angebot, das erst mit dem Medium Internet in dieser Weise und kostenfrei möglich wurde.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich bei allen möglichen Risiken und negativen Nebenwirkungen, die dieses Medium sicher auch hat, die Vorzüge schätze und nicht missen möchte. Wie immer beim Umgang mit Medien: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Wer sich einmal in Ruhe umschaut, wird viele Vorteile entdecken und gelungene Beispiele, wie man es machen kann. Für mich ergeben Kanzel und Tastatur, Beichtstuhl und Bildschirm einen Sinn. Es sind verschiedene Wege mit dem gleichen Ziel: Mit Menschen in Kontakt zu kommen und ihnen in ganz verschiedener Weise die Botschaft des menschenfreundlichen Gottes zu kommunizieren.

Johannes Simon

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