Wir leben nicht auf einen Schlussstrich zu, sondern auf Zukunft hin

Dr. Gabriele Broszio, www.katholische-hörfunkarbeit.de
25.08.2017 - 14:00

Der Wecker klingelt zum zweiten Mal: Augen auf und endlich raus aus dem Bett. Draußen gießt es in Strömen. Es wird Herbst und das nicht nur dort draußen. An allen Ecken und Enden macht er sich bemerkbar, leider auch bei mir persönlich: Ich werde älter! Der Blick in den Spiegel bestätigt das Gefühl: Ein neues Büschel grauer Haare lacht mir freundlich – oder nicht doch eher unverschämt - entgegen.

Das Bild vom Alter

„Graue Haare sind die Krone der Ehre“, ist im biblischen Buch der Sprüche zu lesen. Dass den Alten in biblischer Zeit große Wertschätzung entgegengebracht wurde, zeigt sich gleich in mehreren Aussagen der Bibel. Nur wenige Menschen erreichten damals ein hohes Alter. Sie galten in der Gesellschaft als Träger und Vermittler von Lebenserfahrung, Wissen und religiöser Tradition. Das positiv gefärbte Altersbild der Bibel steht in deutlichem Kontrast zum zwiespältigen Bild vom Älterwerden in unserer Zeit. Die Rede von den Gefahren der Überalterung der Gesellschaft macht ebenso die Runde wie die Rede von den neuen Alten: Menschen, die 60 Jahre und älter sind und ihr Leben nicht weniger aktiv gestalten als mit 50 Jahren. Vielfach jedoch wird heute das Älterwerden auch als Bedrohung empfunden. Das Bild des Alters geht einher mit Vorstellungen des Verlustes von körperlichen und geistigen Kräften, von Gebrechlichkeit, Krankheit, Einsamkeit und nahendem Ende. Erfahrbare Tatsache ist: Die Zeit rast unwiederbringlich dahin. Die Zukunft scheint zu schrumpfen. Fakt ist auch: Die Kräfte lassen nach. Einst mühelos verrichtete Arbeiten werden zur Belastung. Die Fähigkeit des Multi-Tasking reduziert sich.

Das Wesentliche rückt in den Vordergrund

Aber sind nachlassende Kräfte und knapper werdende Zeit tatsächlich nur ein Manko? Können diese scheinbaren Verluste vielleicht auch als andere Form des Lernens oder als ein neues Spektrum an Erfahrungen verbucht werden? Wenn die Zeit knapper wird und die Kräfte nachlassen, wird die Fokussierung auf das Wesentliche nötig. Aus einer Fülle von Möglichkeiten, Aufgaben, Interessen und Fähigkeiten wird so ein Konzentrat von Dingen, die für das Leben jetzt von Bedeutung sind.

Ein weiterer Erfahrungsraum eröffnet sich dem Menschen durch seinen eigenen Körper. Es sind nicht nur die grauen Haare, die das Alter ankündigen. Früher oder später wird es deutlich: Wir sind als „Fleisch“ Teil der vergänglichen Natur. Der Mensch aber ist nicht nur Fleisch, sondern Seele, Geist, Verstand. Im Älterwerden registriert er, was mit ihm geschieht. Die Herausforderung, vor der er jetzt steht, ist möglicherweise die schwierigste Aufgabe seines Lebens: Der Mensch muss lernen, seine Vergänglichkeit anzunehmen. Dabei hilft ihm die ihm eigene Fähigkeit, jenseits seiner bisherigen Erfahrungswelt neue Werte zu entdecken.

Es gibt keinen Schlussstrich

Dass der Körper sich verändert und die Kräfte nachlassen, diese Erfahrung macht jeder Mensch ein Leben lang. Ein Mensch ist niemals ein fertiger Mensch. Das Alter verführt allerdings gelegentlich zu einem Blick in die Vergangenheit, der mit der Feststellung endet: Ich bin der oder die, die ich geworden bin. So ist es und so bleibt es. Dieser vermeintliche Schlussstrich unter ein Leben kann nicht gesetzt werden. Ja, wir sind, die wir geworden sind. Aber wir haben uns nicht allein so gemacht. Die jeweiligen Lebensumstände und unsere Mitmenschen haben daran mitgewirkt. Und für den gläubigen Menschen ist es letztlich Gott, durch den wir geworden sind und täglich neu werden. Das Leben aus seiner Hand bleibt offen vom ersten bis zum letzten Atemzug. Denn „das Leben ist nicht ein Sein, sondern ein Werden“, so formuliert es Martin Luther. Und fügt hinzu: „Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber“. Das heißt: Wir bewegen uns nicht ein Leben lang auf einen Schlussstrich zu, sondern wir leben auf Zukunft hin. Wer glauben kann, dass er das Leben mit allen Höhen und Tiefen täglich aus der Hand Gottes neu empfängt, dem eröffnet sich eine Perspektive über die Endlichkeit hinaus, dem erschließt sich die Hoffnung auf Vollendung in einem anderen Leben.

„Alt werden heißt, sehend werden“, sagt ein Sprichwort. Sehen wir nicht nur die äußeren Zeichen des Älterwerdens. Sehen wir auch, dass wir unterwegs sind auf dem Weg in die Zukunft.

Dr. Gabriele Broszio
Quelle: Katholische Hörfunkarbeit für Deutschlandradio und Deutsche Welle, Bonn, www.katholische-hörfunkarbeit.de, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Dr. Gabriele Broszio, www.katholische-hörfunkarbeit.de
In: Pfarrbriefservice.de