Liedportrait (11): „Nun sich das Herz von allem löste„ (GL 509)

Prof. Dr. Meinrad Walter
15.08.2013 - 00:00

Worte: Jochen Klepper (1903–1942), Musik: Hans Jacob Hojgaard (1904–1992)

Leid und Bedrängnis

Die Ursprünge vieler Lieder verlieren sich im Dunkeln. Oftmals kennen wir weder die genaue Zeit der Entstehung noch den Namen des Verfassers. Bei diesem Lied ist das ganz anders. Seine drei Strophen stehen in einem der berühmtesten Tagebücher des 20. Jahrhunderts, entstanden in finsteren Zeitläuften zwischen 1932 und 1942 und veröffentlicht unter dem Titel „Unter dem Schatten deiner Flügel“. Dort sind auch die biblische Inspirationsquelle, der bedrückende Anlass des Liedes sowie die familiäre Widmung „Meinem Kinde“ angegeben. Das genaue Datum ist der 29. August 1940.

Wer ist der Autor von Lied und Tagebuch? Der 1903 in Beuthen an der Oder geborene Jochen Klepper arbeitete vor und nach seinem erfolgreichen Roman „Der Vater. Roman des Soldatenkönigs“ (1937) journalistisch und für den Rundfunk. Schließlich machte seine Heirat mit der verwitweten Jüdin Johanna Stein-Gerstel (1890–1942), die er „Hanni“ nannte, ein berufliches Fortkommen im nationalsozialistischen Deutschland unmöglich. Die Bedrängnis der gesamten Familie mit den beiden Töchtern aus Hannis erster Ehe – mit „meinem Kinde“ ist Kleppers achtzehnjährige Stieftochter Renate, genannt „Renerle“ gemeint – wurde immer größer und schließlich so unerträglich, dass sie ihrem Leben in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 selbst ein Ende setzten. Es war wohl, inmitten aller Schrecken, ein Ende in tief gläubiger Hoffnung auf Vollendung.

Biblisch inspirierte Dichtung

Kleppers geistliche Lieder sind der Inbegriff biblisch inspirierter Dichtung in lutherischer Tradition. Die Losungen aus der Heiligen Schrift gibt der Autor in seinem Tagebuch jeweils mit an. Am 28. August ist es Psalm 109,21: „Herr Herr, sei du mit mir um deines Namens willen; denn deine Gnade ist mein Trost“; und am Donnerstag, den 29. August, ist es Psalm 51,14: „Tröste mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem freudigen Geist rüste mich aus.“ Zwischen Bibelspruch und Trostlied stehen nur wenige Sätze: „Ein freudiger Geist – diese Worte dürfen dem beschwerten Herzen nicht ganz fremd werden. Heute bekam Renerle die Aufforderung, sich mit Arbeitsbuch und Kennkarte auf dem Arbeitsamt zu melden, am Montag. Das bedrückt uns sehr, denn mehrere Mädchen in Renerles Alter und Lage arbeiten schon zwangsweise hier in der Rüstungsindustrie. – Renerle sagt: Nur einmal das Gefühl haben dürfen, dass es nicht immer noch schwerer kommt.“ Darauf wiederholt Klepper den Bibelspruch des Vortags „Deine Gnade ist mein Trost“ (Psalm 109,21) und es folgt das mit der Widmung „Meinem Kinde“ überschriebene Lied in drei Strophen.

Ausdruck des Vertrauens im Herzen

Denkbar einfach ist der Aufbau des Liedes, denn er ist trinitarisch. Allerdings beim Heiligen Geist beginnend, weil er „der Tröster ist“ (vgl. Joh 14,26). Jochen Klepper inszeniert gleichsam den Glauben als Vorgang im Herzen: Sich-Lösen von allem „Glück und Gut“ (Strophe 1) und Sich-Finden auch im „Schweren“ (Strophe 2). Der Geist als Tröster und Christus der heilende Arzt. In der dritten Strophe aber klingt alles anders. Nicht mehr das menschliche Herz ergreift die Initiative. Vielmehr lässt es sich heben und halten vom väterlichen Gott, der nicht nur „kommt“, sondern „bleibt“.

„Und zum Loben wird unser Klagen“

In den letzten beiden Zeilen nennt Klepper die Antwort des Glaubens. Sie heißt Gotteslob und kommt nicht immer leicht über die Lippen. Hier aber „übersingt“ das Lob sogar die Zeilenstruktur, die das Versmaß vorgegeben hatte: „Und zum Loben / wird unser Klagen. Dir sei Preis!“ Dieses Lied des Vertrauens findet Worte auch für das Leid. Aus dem Mund von Jochen Klepper klingen sie glaubwürdig, fast wie ein Zwiegespräch „von Herz zu Herz“. Die Melodie von Hans Jacob Hojgaard (1904–1992), der als Lehrer und Chorleiter auf den Färöer-Inseln gewirkt hat, unterstützt den hoffenden Gestus dieses Liedes.

Meinrad Walter

Prof. Dr. Walter ist Referent im Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg.

Hinweis für Pfarrbriefredaktionen: Die Liedportraits dienen dazu, ausgewählte Gesänge des neuen Gotteslob, das im Advent 2013 zu kaufen sein wird, bereits jetzt der Gottesdienstgemeinde vorzustellen. Ein Andruck des neuen Gotteslob steht allen Gemeinden seit Februar 2013 zur Verfügung. Kopien daraus sind für den Gebrauch im Gottesdienst zulässig. Ein Abdruck im Pfarrbrief muss im Allgemeinen von den Rechteinhabern (Melodie/Text) genehmigt werden.

Der Liedtext „Nun sich das Herz von allem löste“ darf im Pfarrbrief zusammen mit dem Liedporträt veröffentlicht werden. Sie finden es hier zum Herunterladen.

 

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Text: Prof. Dr. Meinrad Walter
In: Pfarrbriefservice.de