Mystische Gedanken zum Weihnachtsfest

Dr. Corinna Mühlstedt, www.katholische-hörfunkarbeit.de
27.09.2017 - 18:36

[…] Die Sehnsucht nach der Geburt Gottes im Menschen war von jeher ein zentrales Thema der christlichen Mystik. Im 13. Jahrhundert schreibt der Dominikaner Meister Eckhart mit Blick auf das Weihnachtsfest: „Wenn diese Geburt nicht in mir geschieht, was hilft es mir dann? Denn dass sie in mir geschehe, daran liegt alles …“ Meister Eckhart lebte im 13. Jahrhundert, im ausgehenden Mittelalter, in dem der Mensch beginnt, bestehende Traditionen kritisch zu hinterfragen. Die neu gegründeten Bettelorden, zu denen die Dominikaner gehören, sehen sich als Kontra-Punkte zu jenen Teilen der Gesellschaft und der Kirche, die Macht oder Konsum huldigen. Gegenüber einem immer oberflächlicheren Christentum fordert der Mystiker eine radikale Rückbesinnung auf die Werte des Evangeliums, ja eine „Neu-Geburt“ des Glaubens: „Willst Du diese Geburt finden, musst Du an den Anfang zurückkehren, in den Urgrund, von dem Du ausgegangen bist. Gedächtnis, Verstand und Wille musst Du lassen, und alles, worin Du Dich selber suchst. Dann wirst Du diese Geburt finden, sonst aber wahrlich nicht.“

Erfahrung absoluter Glaubensgewissheit

Die prophetischen Worte Eckharts gelten jedem einzelnen. Das Ziel ist stets eine grundlegende Verwandlung des menschlichen Wesens, erklärt der irische Ökumeniker und frühere Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem, Gregory Collins: „Meister Eckhart spricht in diesem Zusammenhang von der ‚Geburt Gottes im Menschen’ und meint damit letztlich so etwas wie einen geistigen Durchbruch: Dem Menschen wird dann zweifelsfrei bewusst, dass Gott im Zentrum von ihm selbst gegenwärtig ist. Diese Erkenntnis ist weder eine rein intellektuelle Einsicht noch eine flüchtige Emotion. Es ist sehr schwer, das Ganze zu beschreiben. Ich denke, es handelt sich hier um die Erfahrung absoluter Glaubensgewissheit angesichts der Gegenwart Gottes.“

Im 16. Jahrhundert fasziniert die dominikanische Mystik den Augustiner-Mönch und späteren Reformator Martin Luther. Er greift ihre Gedanken auf, wenn er in einer Weihnachtspredigt sagt: „Glaube, dass Christus in Bethlehem geboren ist, aber sieh zu, dass Du aus der Geschichte Dir eine Gabe machst, dass Christus Dir geboren sei.“ Ideen großer Mystiker wie Augustinus, Meister Eckhart oder Johannes Tauler helfen dem jungen Luther, seinen Weg zu finden. Schließlich ermutigt ihn eine mystische Erfahrung, sich trotz aller Ängste und Zweifel bedingungslos Gott anzuvertrauen: „Da hatte ich das Gefühl, ich sei geradezu von ‚neuem geboren’ und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten.“

Allein mit Gott

Es ist diese Erfahrung einer „neuen Geburt“, die Luther fortan in Glaubensfragen größte Sicherheit gibt. Abt Gregory Collins sagt dazu: „Der Glaube, über den Luther spricht, ist mehr als nur die Zustimmung zu einer Lehrmeinung - egal wie wichtig diese Lehre sein mag. Der Glaube ist der Punkt, an dem Du allein bist mit Gott, und um Dich herum ist nichts als Gott - wie Luther sagt: der Moment, an dem Du Gott Gott sein lässt. All die Gelassenheit und Abgeschiedenheit der mystischen Traditionen des Mittelalters fließt zusammen in Luthers Art, eins zu werden mit Gott.“

All dies schwingt mit, wenn Martin Luther über das Kind in der Krippe sagt: „Sieh zu, dass du dir seine Geburt zu Eigen machst. Denn dieses Kind will einer leeren und gelassenen Seele das geben, dessen sie entbehrt. Es will, dass wir es in uns tragen.“

Praktische Ratschläge für Gottsucher

Die Spiritualität der orthodoxen Kirchen weist ebenfalls von jeher Wege zum Göttlichen. […] Ein wesentliches Element orthodoxer Spiritualität ist von alters her das sogenannte „Herzensgebet“. Vor rund 100 Jahren wurde man in Europa auf diese Gebetstechnik durch ein Buch aufmerksam, das inzwischen auch in Deutschland verbreitet ist: die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“. Der Text gibt jedem Menschen, der nach Erfahrungen mit dem Göttlichen sucht, praktische Ratschläge: „Setz dich still und einsam hin, neige den Kopf, schließe die Augen, atme recht leicht, blicke mit deiner Phantasie in dein Herz. Führe den Geist, das heißt das Denken, aus dem Kopf ins Herz. Beim Atmen sprich – leise die Lippen bewegend oder nur im Geist: ‚Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner.’ Gib dir Mühe, alle fremden Gedanken zu vertreiben. Sei nur still und habe Geduld, –  und wiederhole diese Betätigung recht häufig.“

Im Pilgerbuch spiegeln sich tiefe Erfahrungen der östlichen Mystik. Sie reichen zurück bis in die ersten Jahrhunderte nach Christus und umfassen den weiten Raum von Ägypten über Kleinasien bis nach Russland. Der Verfasser des Textes weiß: „Der Geist, der sich nicht unter den äußeren Dingen zerstreut, noch – durch die Sinne abgelenkt – in der Welt umher schweift, kehrt zu sich selbst zurück und steigt durch sich selbst hindurch zu Gott empor.“

Das Herzensgebet führt in die Tiefe

Im Lauf des 20. Jahrhunderts wurde das Herzensgebet auch in Europa für viele Menschen zu einer wichtigen Stütze. Der Benediktiner Anselm Grün gibt in der Abtei Münsterschwarzach seit Jahrzehnten Meditationskurse. Er betont: „Mein persönlicher Weg ist das Jesusgebet, das Herzensgebet. Ich sag beim Einatmen ‚Herr Jesus Christus’, beim Ausatmen ‚Sohn Gottes, erbarme dich meiner’. Aber ich denke nicht nach über die Worte, sondern ich lasse mich von den Worten in die Tiefe führen. Aber die Worte geben eben eine Qualität an, die Qualität Jesu. Die frühen Mönche sagen: Das Wort schließt die Türe auf zum wortlosen Geheimnis Gottes. Das Wort ist der Schlüssel, aber das Ziel ist der Raum jenseits der Worte, das reine Schweigen.“ […]

Religiöse Erfahrungen und psychologische Erkenntnisse

In den mystischen Traditionen berühren sich religiöse Erfahrungen und psychologische Erkenntnisse. Nach Ansicht des Stuttgarter Therapeuten, Theodor Seifert, kommt dies besonders in dem Begriff des „Seelenfünkleins“ zum Ausdruck: „Es gibt eine sehr schöne Beschreibung, die Meister Eckhart gibt: ‚Das Seelenfünklein ist die Kraft, die mit Gott vereint.’ Also für mich sind mystische Erlebnisse etwas, was zutiefst in der Seele verankert ist. Es gibt von Meister Eckhart ein sehr schönes Zitat, wo er schreibt, dass man irgendwo daheim sein muss. Und ich habe viel über mystische Erlebnisse nachgedacht: Das Fünklein ist eigentlich mein Weg zu diesem Kern in mir, den jeder in sich hat, auf den ich mich absolut verlassen kann, wenn ich mich verlassen fühle… Dieses Seelenfünklein, das leuchtet.“

Wer dieses „Licht“ in sich entdeckt, ahnt etwas von der Erfahrung, die Mystiker aller Zeiten als „Gottes Geburt“ im Menschen bezeichnen. Die entscheidende Frage sei jedoch, so der Psychologe Seifert, wie ein moderner Mensch im Alltag auch nur in die Nähe eines solchen Erlebnisses kommen könne. Theodor Seifert: „Also ich glaube, das aller Erste ist unser Mut und unsere Bereitschaft, unsere Sehnsucht zuzulassen. Aber dann kommen Sie nicht drum herum, dann müssen Sie letztlich handeln und einüben: eine kleine Übung jeden Tag, eine Mini-Meditation, wirklich die Öffnung fürs Herz. Ich meine, es ist so wichtig, dass wir diese fantastische Möglichkeit der menschlichen Psyche, die Gottesgeburt, dass wir das auch im Alltag sehen. Und es geht nur in tausend kleinen Schritten.“

Auf dem Weg zu mir selbst

Der Blick auf eine Kerze oder das Licht an der Weihnachtskrippe kann zum Ausgangspunkt werden, um dem Strahl des Göttlichen nachzuspüren, der in jedem Menschen existiert. Die Stille der Feiertage bietet eine Chance, nach ihm Ausschau zu halten. Die Mühe lohne sich, meint Pater Anselm, denn wer diesem Lichtstrahl in seinem Inneren folge, werde verwandelt: „Die ‚Geburt Gottes im Menschen’ ist ein Bild für eine Wirklichkeit, über die man nur in Bildern sprechen kann. Wenn Gott in mir geboren wird, komme ich in Berührung mit meinem wahren Selbst, dann wird unser Leben authentisch und echt. Papst Leo der Große hat im 4. Jahrhundert eine berühmte Weihnachtspredigt gehalten, wo er sagt: ‚Weihnachten feiern heißt, Gott feiert mit uns einen neuen Anfang’“!
 
Dr. Corinna Mühlstedt
Quelle: Katholische Hörfunkarbeit für Deutschlandradio und Deutsche Welle, Bonn, www.katholische-hörfunkarbeit.de, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Dr. Corinna Mühlstedt, www.katholische-hörfunkarbeit.de
In: Pfarrbriefservice.de