Jetzt was Neues wagen

Was motiviert uns? Und was hindert uns?

Aufbruch schmeckt nach Freude und Abenteuer. Aber da sind auch die Angst vor dem Unbekannten – und die eigene Trägheit. Wie überwinden wir die?

Aufbruch, das klingt nach Morgenluft und Abenteuer. Etwas Neues blitzt auf – und damit Neugier, Spannung und Glück. Das verbraucht sich nie, egal wie alt wir sind. Es brauchte viel Überzeugungskraft, meine Großmutter, die nie gereist war, zu überreden, mit mir und den zwei kleinen Urenkeln nach Venedig zu fahren. Nie vergesse ich, wie sie das Meer sah, ein erstes und einziges Mal.

Das Schönste am Aufbruch ist, etwas vor sich zu haben. Die lang ersehnte Reise, die neue berufliche Herausforderung, das neue Leben mit dem neuen Partner, eine neue Passion.

Doch auch schon kleine Vorhaben beflügeln uns. Wenn wir mehr Gemüse und weniger Schokolade essen, öfter mit dem Rad statt mit dem Auto fahren, den Streit mit den Nachbarn beilegen, wird das Leben gewiss leichter, besser, schöner. So entdecken wir die Lust am Aufbruch. Denn genau das ist Aufbruch: etwas zu mögen, noch bevor es da ist. So sehr, dass wir uns darum bemühen und nicht zögern, es in die Tat umzusetzen.

Den eigenen Sehnsüchten Raum geben

Aber dann das: Trägheit, Zweifel, eine unbestimmte Angst vor dem Unbekannten beschleichen uns. Plötzlich ist nicht mehr der Aufbruch schön, sondern dass man ihn möglichst bald hinter sich hat. Und wir überlegen: Ist der Anfang wirklich das Beste?

Bestimmt nicht. Da passt es doch, dass wir ohnehin gerade keine Zeit, kein Geld, keine Energie haben, etwas Neues zu wagen. Morgen, übermorgen ist auch noch ein Tag.

Doch so einfach ist das mit dem Aufschieben nicht. Zwar gehen im Alltagstrubel Sehnsüchte schnell unter, aber sie melden sich zuverlässig immer wieder. Als stille Mahnung, mit der Realisierung eines lang gehegten Traums nicht allzu lang zu warten.

Vor ein paar Jahren kam eine Studie zur Persönlichkeitsentwicklung zu dem nicht ganz überraschenden Ergebnis, dass wir mit zunehmendem Alter weniger gewillt sind, aus freien Stücken etwas Neues zu wagen. Zwischen 30 und 40 sind wir meist in einem Leben angekommen, das unserem Wesen und unseren Bedürfnissen entspricht. Das möchten wir bewahren, weil es uns Sicherheit, Geborgenheit und das Gefühl von Kompetenz schenkt. Veränderungen sind da weniger willkommen.

Kein Schmerz ist endlos – es geht weiter

Nur werden wir bekanntlich nicht immer gefragt. Mancher Aufbruch wird uns vom Schicksal aufgezwungen. Durch eine schwere Krankheit, den Verlust eines geliebten Menschen, eine Kündigung. Den Zauber des Neuanfangs zu fühlen ist schwer, wenn wir verzweifelt, enttäuscht und ratlos sind. Aber jeder neue Tag ist ein Versprechen. Dass der Schmerz nicht endlos ist und Wunden heilen können. Auch nach einem Schicksalsschlag ist es möglich, das Leben neu zu gestalten. Denn darin besteht der Sinn des Aufbruchs: dass es weitergeht. Der amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder sagt: „Das ist alles, was wir tun können: immer wieder von Neuem anfangen, immer und immer wieder.“

Gut gewappnet ist, wer sich kleine, erreichbare Ziele setzt und auf dem Weg dorthin Rückschläge nicht als Versagen, sondern als Erfahrung verbucht – und sich erneut aufmacht.

Weniger leicht tun wir uns mit dem Aufbruch, wenn wir ängstlich und vorsichtig sind. Aber auch dann kann die Reise in unbekannte Gefilde gelingen, wir müssen uns nur die richtigen Gefährten suchen. In der Familie, im Freundeskreis, in einer Trauerbegleitung oder Psychotherapie und nicht zuletzt im Glauben.

In meinem Leben gab es manche Veränderung, der ich lieber aus dem Weg gegangen wäre, von der ich mich verwundet und verunsichert fühlte; aber immer gab es auch Gott und Menschen, die mir beistanden, sodass ich einen kleinen Schritt nach dem anderen wagte. So kommt man auch voran!

Viele Neuanfänge in der Bibel

Die Bibel erzählt von vielen Neuanfängen und davon, dass beinahe jedem Aufbruch eine Erschütterung vorausgeht. Ihre Autoren wussten sehr genau, dass Abschied und Loslassen wesentliche Voraussetzungen für Aufbruch und Veränderung sind. 75-jährig zieht Abraham mit der vagen Aussicht, ein Segen für alle Geschlechter der Erde zu sein, mit seiner Frau Sara und seinem Neffen Lot aus der Heimat Haran in eine unbekannte Zukunft. Der Zöllner Zachäus, ein unangenehmer, habgieriger Zeitgenosse, wenn ich den Text richtig verstehe, macht sich nach einer Begegnung mit Jesus auf in ein anderes Leben, indem er die Hälfte seines Vermögens den Armen schenkt. Jesus selbst bricht am Kreuz auf und wendet sich dem Menschen zu.

Jeder Aufbruch ist auch Abschied, ist Tod und Auferstehung. „Abschiedlich leben“ nennt das die Schweizer Psychologin Verena Kast. Gemeint ist, mit den Abschieden weiterzugehen, Vertrautes zurückzulassen, um Neues zu gewinnen und am Ende zu Gelassenheit und Offenheit zu finden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, was die kanadische Psychologin Kate McLean, Universität von Toronto, herausfand, als sie Menschen unterschiedlichen Alters bat, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Nach ihren Erkenntnissen fällt uns, wenn wir zurückschauen, fast immer das Neue, Unerwartete in unserem Leben ein.

Neues Jahr lädt zur Veränderung ein

Das neue Jahr ist eine Einladung, die eigene Sehnsucht nach Veränderung wahr- und ernst zu nehmen, sich auf den ganz persönlichen Neubeginn wie auf eine Wanderung vorzubereiten. „Nicht zu viel Gepäck“, mahnte mein Vater uns vor jeder Wanderung. „Jeder nimmt nur mit, was er tragen kann, auch bergauf.“

Packen wir also nur so viel Zweifel ein, wie unbedingt nötig. Umso mehr Platz ist für Zuversicht und Gottvertrauen. In diesem Sinn uns allen ein gesegnetes und erfülltes neues Jahr!

Xenia Frenkel
Quelle: Leben jetzt. Das Magazin der Steyler Missionare, www.lebenjetzt.eu, In: Pfarrbriefservice.de

Verknüpft mit:

Das Schwerpunktthema für Januar/Februar 2024

Vor dem Herunterladen:

Datei-Info:
Dateiformat: .rtf
Dateigröße: 0,02 MB

Sie dürfen den Text in sozialen Medien nutzen (z.B. Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, etc.)

Beispiel für den Urhebernachweis, den Sie führen müssen, wenn Sie den Text nutzen

Text: Xenia Frenkel, Quelle: Leben jetzt. Das Magazin der Steyler Missionare, www.lebenjetzt.eu
In: Pfarrbriefservice.de