Interview mit der Schriftstellerin Esther Maria Magnis

Sabine Kuschel
26.01.2018 - 17:48

In ihrem Buch „Gott braucht dich nicht“ beschreibt Esther Maria Magnis, wie sie nach dem Tod ihres Vaters und Bruders mit Gott bricht und dann wieder nach ihm sucht. Mit der Autorin sprach Sabine Kuschel von den mitteldeutschen Kirchenzeitungen.

Frau Magnis, die angekündigte und von manchen entdeckte Religionskritik habe ich in Ihrem Buch nicht wahrgenommen?

Magnis: Nein, es ging mir nicht darum, Verbesserungsvorschläge zu machen. Das Buch als Religionskritik zu verstehen, kam vom Verlag.

Immerhin kritisieren Sie die symbolische Auslegung biblischer Gleichnisse und Wunderheilungen. Sie wollen diese Geschichten wörtlich nehmen und trotz Ihrer gegenteiligen Erfahrungen darauf vertrauen, dass Gott heilen kann?

Magnis: Ja, ich würde ihn immer darum bitten. Ich weiß nicht, warum er meinen Vater nicht geheilt hat. Ich könnte Gott jetzt hinterfragen. Hat er vielleicht nie Kranke geheilt, war das nur symbolisch gemeint, dass der Taube auf einmal hören konnte? War es dann vielleicht auch nur symbolisch gemeint, dass Gott seinen Sohn gesandt hat? Hat der nur symbolisch Blut geschwitzt? Ich glaube das nicht. Es ist fast leibfeindlich, so zu denken. Zu unserm Gott gehört Blut und Spucke.
Anstatt ihn immer unwirklicher zu machen, kann man ihn auch groß sein lassen und ihn anklagen für das Leid, das man selber leidet. Das ist zwar nicht besonders heldenhaft, aber wenn wir wirklich Kinder Gottes sind, rechnet er damit. Meine Kinder klagen mich wegen jedem Schokoriegel an, den sie nicht bekommen.

Als ich Ihr Buch las, hatte ich den Eindruck, es ist leichter, im Leid den Glauben zu Gott zu finden. Ist das so?

Magnis: Ich habe keine Ahnung, wie mein Glaube aussehen würde, wenn mein Vater und mein Bruder nicht gestorben wären. Vielleicht würde ich in einer seltsamen Indifferenz leben. Diese Erfahrungen mit Krankheit und Tod haben mich an die Kernfragen des Lebens geschleudert. Vielleicht hätte ich ohne den Tod meines Vaters nicht mit dieser Radikalität gefragt.

Aber ich würde niemals sagen: Es war gut, dass das passiert ist. Es war nicht gut. Das Leid hat meinen Glauben erstmal zerstört. Ich glaube trotz des Leids – sicher nicht wegen.

Sie schildern, wie Sie gemeinsam mit Ihren Geschwistern auf dem Dachboden beten, dass Ihr krebskranker Vater wieder gesund wird. Ihre Gebete werden nicht erhört. Ihr Vater stirbt und Sie brechen mit Gott. Wie haben Sie sich ihm wieder genähert?

Magnis: Als ich mit Gott gebrochen habe, wusste ich nicht, dass ich dadurch auch mit der ganzen unsichtbaren Welt breche. Zu den wichtigsten Dingen im Leben gehören aber die unsichtbaren und nicht beweisbaren: Gott, die Würde des Menschen, Liebe, der freie Wille. Ich hielt mich und jeden Menschen nur noch für einen zufällig programmierten Zufall. Alles wurde leer und alles egal. Trotzdem habe ich gelitten. Warum? Wenn alles egal ist? Wahrscheinlich, weil ein Teil der Seele sich nicht so leicht ins Nichts reißen lassen will. Diesen Teil habe ich irgendwann begonnen, ernst zu nehmen. Ich habe mich entschieden zu glauben.

Ihr Buch ist ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Gott. Es ist über jeden Zweifel erhaben, dass Gott nicht sein könnte. Sie beschreiben den Weg aus Ihrer Verzweiflung und Ihrem Nihilismus hin zu der Gewissheit: Wir brauchen Gott.

Magnis: Ich würde mich nicht trauen, das so zu formulieren, weil es genug Menschen gibt, die sagen, dass sie glücklich sind ohne Glauben. Für mich ist die Frage auch nicht relevant, ob ich Gott brauche, sondern allein: Gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Entweder Gott ist oder er ist nicht. Wenn er ist, dann muss ich mich dazu verhalten, dann muss ich beginnen, ihn zu suchen. Dann ist diese Frage das Wichtigste im Leben.

Wie geht es Ihnen heute mit den Erfahrungen von Krankheit und Tod?

Magnis: Ich versuche, hochgemut zu sein. Ich bin verheiratet, habe drei Kinder, das Jüngste ist erst ein paar Monate alt. Manchmal kann ich nicht einschlafen, weil ich mich so freue.

Magnis, Esther Maria: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung, Rowohlt Verlag, 238 S., ISBN 978-3-498-06406-8, 16,95 Euro

Zur Person
Esther Maria Magnis, Jahrgang 1980, studierte Religionswissenschaft. Sie ist katholisch. Als sie im Teenageralter war, starb ihr Vater an Krebs. Einige Jahre später starb auch ihr jüngerer Bruder. In ihrem Buch „Gott braucht dich nicht“ beschreibt sie mit sprachlicher Präzision, in welch eine tiefe Krise sie diese Schicksalsschläge stürzten. Ihr Weg zum Glauben ist nicht geradlinig, sondern es wechseln Phasen der Gewissheit und des Zweifelns. Die Autorin lebt im Odenwald.

Quelle: "Glaube + Heimat"/"Der Sonntag" Nr. 47 vom 24.11.2013, S. 4, aktualisiert am 26.01.2018, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Sabine Kuschel
In: Pfarrbriefservice.de