„Das kann doch nicht alles gewesen sein!“

Veränderungen im Rentenalter

Wenn das reguläre Rentenalter inzwischen von 65 auf 67 erhöht wurde, haben wir vielleicht zwei Jahre dazu gewonnen, uns eine Antwort auf die Frage zu überlegen, die sehr häufig mit dem Zeitpunkt der Pensionierung einhergeht: „War es das jetzt oder kommt da noch was?“ Etwas Neues? Veränderungen? Viele haben das Gefühl, als wären sie über 60 Jahre lang über das Hochseil ihres Lebens gelaufen und hätten dabei kaum bemerkt, wie so bedeutsame Lebensabschnitte, wie Schule, Ausbildung, Beruf und Familiengründung sie über all die Jahre so einseitig in Anspruch genommen haben, dass sie sich kaum um ein „Gegengewicht“ gekümmert haben. Das erzeugt „Schieflagen“, „Haltungsschäden“. Es ist also Zeit, die Balancierstange unseres Lebens wieder in eine andere Richtung zu halten. Das Rentenalter mit seinem großen Geschenk an gewonnener Zeit und gewonnener Lebenserfahrung ist eine Hilfe, wieder mehr dieses Gegengewicht zu fördern, wenn man für sein Leben Veränderungen zulässt und unterstützt.

Nicht alles umkrempeln

Es gibt allerdings auch nicht wenige Menschen, die eine „Balancierstange“ mit einer „Brechstange“ verwechseln. Es wäre sicherlich nicht im Sinne eines Gleichgewichts, wenn jemand für die Zeit seines Rentendaseins „alles anders“ planen und völlig umkrempeln wollte. Etwa ganz und radikal aus dem Arbeitsleben auszusteigen, sich total der Freizeit und dem „Hobby“ hinzugeben, das schafft sicherlich keinen echten „Ausgleich“, eher neue Extreme. Hilfreich sind hier also nicht jene „Hau-Ruck-Methoden“ nach dem Motto: „Jetzt kümmere ich mich mal um den Haushalt!“, schon gar nicht, wenn dies mit der Partnerin / dem Partner nicht gut abgesprochen wurde. Auch hier gilt es, eine Mitte zu finden zwischen alten und neuen Alltagsriten und Gewohnheiten, damit das „neue“ Zusammenleben nicht als nervend, sondern als bereichernd empfunden werden kann.

Vernachlässigtes pflegen

Was wurde dem eigenen Gefühl nach während des Arbeitslebens zu sehr vernachlässigt? Für den einen ist es vielleicht die körperliche Beweglichkeit, für den anderen die musische Beschäftigung, für den einen ist es die ehrenamtliche Tätigkeit, für den anderen die Bemühung, einmal mehr an sich selbst zu denken. Für viele ist es grundsätzlich der Hang zum Reisen, vielleicht aber auch nur ein spontaner „Last-Minute-Flug“ an einen Ort auf der Erde, wo man immer schon mal hin wollte. Für andere kann es wiederum der Genuss sein, sich endlich so richtig zu Hause zu fühlen. Die einen werden verstärkt in die Öffentlichkeit gehen, für die anderen werden Stille und Beschaulichkeit ein bevorzugtes Ziel der kommenden Jahre sein.

In der Partnerschaft näher zusammen rücken

„Alte“ Probleme, die man sonst immer vor sich herschieben konnte, sollten jetzt dringend miteinander besprochen und nach Lösungen gesucht werden. Persönliche Weiterentwicklung, gemeinsame soziale, kulturelle und auch spirituell-religiöse Bedürfnisse und Ziele sollten nun verstärkt miteinander besprochen und miteinander abgestimmt werden. Eine ausgewogene Balance zwischen eigenen und gemeinsamen Aktivitäten und Freizeitideen macht das Paar wieder füreinander attraktiv. Partnerschaften, in denen zu wenig gemeinsame Zeit miteinander verbracht wurde, in denen zu wenig miteinander gesprochen und besprochen wurde, sollten jetzt verstärkt mehr Zeit miteinander verbringen oder die gemeinsame Zeit intensiver nutzen. Partner sollten jetzt wieder mehr und näher zueinander rücken, ihr oft verloren gegangenes „Wir-Gefühl“ wieder finden und genießen können.

Neues beginnen

Ein häufig zu geringes Risikoverhalten, große Lebensängste, viele schlechte Erfahrungen und erlittene Schmerzen haben uns manchmal zu sehr davon abgehalten, Dinge zu leben und auszuprobieren. Matthias Jung, ein erfahrener Psychotherapeut, gibt allerdings zu bedenken, was eigentlich das größere Übel in unserem Leben ist, wenn er meint: „Es ist nicht das Leben selbst, das uns bedrückt. Was uns am meisten bedrückt, das ist das nicht gelebte Leben.“ Und dies mit zunehmendem Alter!

Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe, In: Pfarrbriefservice.de

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Text: Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe
In: Pfarrbriefservice.de